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Haupttage des 37. Göttinger Jazzfestivals mit vielfältigen Variationen

Er lebt! Haupttage des 37. Göttinger Jazzfestivals mit vielfältigen Variationen

So international wie noch nie präsentierte sich das 37. Göttinger Jazzfestival. Mehr als 200 Musiker von unterschiedlichen Erdteilen zeigten in etwa 40 Einzelveranstaltungen und Konzerten die kontrastreiche Variationsbreite des Jazz. Das Programm bot nicht nur eine Reihe von erstklassigen Künstlern, sondern auch die Möglichkeit, verschiedene musikalische Ansätze im direkten Vergleich zu erleben. Bei den zwei Haupttagen spielten am Wochenende ausverkauften Deutschen Theater internationale Stars neben Musikern aus der Region.

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Interpretieren Jazz auf unterschiedliche Weise: Jacob Karlzon, Uwe Kropinski, Youn Sun Nah, Christof Lauer (von links).

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Sozialpsychologen würden es als Territorialverhalten bezeichnen. Was im Urlaub mit Handtüchern funktioniert, ist schließlich im Deutschen Theater auch mit Jacken möglich. Man will ja schließlich für die Hauptacts auf der großen Bühne einen guten Sitzplatz haben und sichert den am besten schon weit vor Beginn des ersten Konzerts.

Gar nicht so falsch, denn die NDR-Bigband hat zusammen mit dem Solisten Christoph Lauer vermutlich solch eine Kraft, dass sie stehende Zuhörer einfach umpusten könnten. Tun sie aber nicht. Sie nutzen sie lieber für eine erstklassige Hommage an Sidney Bechet, einen der Gründerväter des Jazz – des Musikstils, in den Bechet als einer der Ersten das Sopransaxofon integrierte, das er 1920 auf einer Europatournee für sich entdeckte.

Lauers Ton auf eben diesem Instrument lässt die Arrangements Bechets neu erscheinen. Er spielt nicht nach, er kreiert neu. Virtuosität gesellt sich zur Hingabe zur Musik. Lauer stellt sich aber nicht in den Vordergrund. Er nimmt sich auch mal zurück, um seinen Mitmusikern Raum zu verschaffen, allesamt Meister ihres Fachs.

Einige von ihnen können dies in kurzen Soloparts unter Beweis stellen. Unglaublich, welche Energie Stefan Meinberg über die Trompete transportieren kann. Schön, wie fein Stefan Lotterman die Posaune spielt. Schlagzeuger Patrice Héral trommelt nicht nur einfach, er belebt den Rhythmus in manchen Stücken mit Beat-Box-Elementen.

Belebend ist auch der Kontrast, der mit Youn Sun Nah und Ulf Wakenius auf die Bühne kommt. Der Gitarrist, eher extrovertiert, spielt gleich zu Beginn „Dodge the Dodo“ des 2008 gestorbenen Pianisten Esbjörn Svensson. Introvertiert, gar schüchtern, präsentiert sich die Sängerin zu Beginn. Begrüßt mit zurückhaltender, fast schon zerbrechlicher Stimme die Zuhörer. Der Kontrast besteht aber nicht nur zwischen den beiden Musikern.

Vielleicht schon zu grandios für das folgende Konzert

Vielmehr ist er auch in Person von Youn Sun Nah zu finden. Kaum singt die Südkoreanerin die ersten Töne nimmt sie sofort den kompletten Raum ein und schafft eine Intimität, die niemand durch irgendein Geräusch zu stören wagt. Hurt von dem US-amerikanischen Musikprojekt Nine Inche Nails singt sie so einfühlsam, wie es nur möglich scheint, einen Antidrogensong zu singen.

Im kompletten Set machen sich die beiden Musiker frei von Grenzen. Sie zeigen den Jazz in einer Variationsbreite, die wohl in dieser Form lange nicht zu hören war. Auch oft verspielt – nicht nur leise, sondern auch mal rau. Wakenius Komposition Momento Magico kommt größtenteils nur mit Lauten, ohne Worte aus. Allein die Präsenz der beiden, ihre Harmonie und ihr Umgang mit Musik verzaubern. Grandios.

Vielleicht schon zu grandios für das folgende Konzert. Der Auftritt der Gruppe „The Tiptones Sax Quartett and Drums“ sollte zu später Stunde Stimmung in den Saal bringen. Doch die Gruppe riss niemanden von den Stühlen – viele scheinen ermattet, andere sind bereits gegangen. Dabei beherrscht die Gruppe ihr Handwerk. Nicht die einzelne Musikerin steht hier im Mittelpunkt, sondern die Gemeinschaft und das Zusammenspiel in den Arrangements.

Greifen die einen ein Thema auf, umspielen und begleiten die anderen dies fantasievoll. Mit viel Spaß und einem Augenzwinkern präsentieren sich die Tiptons, zeigen aber auch ernste Seiten, wenn sie über Krebserkrankungen im nächsten Verwandtenkreis sprechen. Sie verpacken ihr Leben einfach in die Musik, die sie machen. Das bringt Nähe. Ehrlich, temperamentvoll und vielseitig.

Sonnabend mit Musik-Reise

„Wow!“ – was des schwedischen Pianist Jacob Karlzon auf das Deutsche Theater bezieht, kann ebenso für die Auftritte der Künstler gelten. Auch am zweiten Abend im Haus, überzeugt das Programm mit Vielfältigkeit, nimmt die Zuhörer an die Hand und leitet sie um die halbe Welt.

Von den tiefen, rauschenden Wäldern in Schweden bis hin zum verrauchten Jazz-Club in New Orleans. Karlzon kennt Göttingen. Im vergangenen Jahr unterstützte er beim Jazz-Festival die dänische Sängerin Cæcilie Norby.

Nun ist er mit seinem Trio erneut in der Stadt. Die Technik auf der Bühne fällt auf. Neben Pedalen finden sich auch Tablet-PCs und ein Laptop. „Jacob Karlzon 3“ arbeiten mit differenzierten Sounds und Einspielern. Aber nicht mit solchen, bei denen sich die Zuhörer fragen, ob die Musiker überhaupt noch etwas zu tun haben. Die Audio-Sampels wirken eher unterstützend.

Fast unbemerkt laufen sie im Hintergrund, geben den Arrangements aber enorme Tiefe. Zwischen den Volksweisen seiner Heimat bis zum modernen Rock bewegt sich die Musik des Trios. Ein wenig experimentell, aber oft mit richtig guten Ideen und einer frischen schwedischen Brise. Auch wenn Karlzon vieles ausprobiert und einfließen lässt, sind seine Kompositionen nicht kleinteilig. Gut nachzuvollziehen, bleiben sie immer spannend und schließen besonders rund ab. Fast schon beiläufig stellen die Musiker ihr Können unter Beweis. Seien es Karlsons Improvisationen, Hans Anderssons Techniken am Kontrabass oder der vielschichtige Rhythmus von Schlagzeuger Robert Mehmet Ikiz.

Das Uwe-Kropinski-Trio konterkariert Karlzons Auftritt. Nicht im Sinne der Instrumentenbeherrschung oder Spielfreude. Im Gegensatz zum Schweden zelebrieren die drei Musiker einen Minimalismus. Herruntergebrochen auf die Möglichkeiten die ihre Instrumente klanglich und technisch hergeben. Kropinski versteht die Gitarre als umfassenden Klangkörper.

Das kann beim China Moses nicht passieren

Neben den bespielten Saiten und 39 Bünden trommelt der Musiker auf seinen Instrument. Er nimmt sich die Freiheit Jazz mit Blues, Klassik, Samba und anderem zu mischen. Wen das Uwe-Kropinski-Trio nicht bei den ersten Liedern abholt und mitnimmt, der findet nur schwer in den großen Zug der zurückhaltenden Außergewöhnlichkeit. Er fährt stetig voran, zwar auf seine ganz spezielle Art und Weise, lädt dabei ein, sich verträumt in den Arrangements zu verlieren.

Das kann beim China Moses nicht passieren. Die Sängerin gibt die Richtung vor, die nur ein Ziel kennt: den Blues. Moses mixt in ihrem Programm die Songs der Grandes Dames wie Janis Joplin, Donna Summer oder Ann Peebles zusammen, verpasst ihnen einen kleinen Schuss Moderne, bewahrt aber stets den Geister der Lieder. Beste Voraussetzungen gaben Moses ihre Eltern mit. Als Tochter der US-amerikanischen Sängerin und mehrfachen Grammy-Preisträgerin Dee Dee Bridgewater sowie des Regisseurs Gilbert Moses wuchs sie in einem inspirierenden Umfeld auf.

Allein die Bühnenpräsenz der Sängerin spricht Bände. Tanzt sie eben noch mit ihrem Glas Rotwein in der Hand, spricht sie gleich über eines ihrer Lieblingsthemen – Männer im Guten, wie im Bösen – oder gibt eben solchen in ihrer Band das Zeichen für improvisierte Soli. Auch wenn die Musiker kurzfristig umbesetzt werden mussten, verstehen sie sich auf der Bühne. Mit durchweg sichtbarer Spielfreude liefern sie auf locker leichte Weise das professionelle musikalische Gerüst, auf dem Moses steht. Ihre Stimme durchzieht der Soul. Ihr Auftreten ist bestimmt durch das Leben einer Diva, die eben weiß, was sie will.

Von Friedrich Schmidt

Überzeugende Regionalität

Das Göttinger Jazzfestival zeichnete sich schon immer durch die Kombination von international und regional Musikern aus. Auch das 37. Jahr bildete keine Ausnahme. Auf der Keller- und der Studiobühne des Deutschen Theaters präsentierten sich Gruppen und Künstler aus der Region.

Die Freunde der frei improvisierten Musik erleben im Studio zum Beispiel eines der wenigen Konzerte des Göttinger Saxophonisten Ove Volquartz mit seinem Trio Brainville Desperados. Doch auch noch andere zieht es an beiden Tagen an die Bühne: die Eltern und Freunde der Nachwuchsjazzer in den Schul- und Uni-Big-Bands.

Die Vielfalt der Musikstile innerhalb des Jazz scheint grenzenlos. Chimes and Crimes bringen sowohl indische Einflüsse als auch Funk mit. Oder aber das Jentzen-Groh-Sommerfeld-Trio aus Kassel, dass mit jugendlich frechem Charme eine akustische Bilderwelt zwischen Jazz und Rock schafft. Interessant erscheinen auch die Kompositionen von Tres Sapos Clandestinos mit ihrem Synthesizer-Sound.

Ebenso lockt die Kellerbühne viele Neugierige aber auch Alteingesessene. Die Club-Atmosphäre und die Nähe zu den Musikern macht die Location zu etwas Besonderem. Bands wie die New Orleans Syncopators, Groove Instinct oder die Musiker um die drei Sängerinnen von Sway’n Swing zeigen hier ihr Können.

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