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Heidi Rosenbaum stellt Buch in Göttingen vor

Kindheit im Nationalsozialismus Heidi Rosenbaum stellt Buch in Göttingen vor

„Wo man singt, da lass’ dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“ Spätestens seit der Moderne wurde dieses Sprichwort Lügen gestraft. Gerade die Nationalsozialisten nutzen Liedgut gezielt, um ihre Propaganda zu verbreiten, sagt Heidi Rosenbaum bei der Vorstellung ihres Buches im Literarischen Zentrum.

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Hat Jahrzehnte an dem Buch gearbeitet: Heidi Rosenbaum.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Massenhaft sei umgedichtet und umgedeutet worden. Arbeiter- und Jugendlieder handelten immer mehr von Opferbereitschaft, der Liebe zu Deutschland und dem Heldentod.

Rosenbaum hat Jahrzehnte an dem Buch mit dem provokanten Titel „Und trotzdem war’s ’ne schöne Zeit. Kinderalltag im Nationalsozialismus“ gearbeitet. Dabei handelt es sich um ein Zitat, denn die inzwischen pensionierte Professorin für Europäische Ethnologie hat Menschen aus Göttingen, Hann. Münden und den Dörfern Obernfeld und Volpriehausen zu ihrer Kindheit während der 1930er-Jahre befragt.

Herausgekommen ist eine umfassende Untersuchung regionaler Familiengeschichten und die Erkenntnis, dass Bildung keinesfalls vor antisemitischen Gedankengut schützt.

Keine andere Wahl gehabt

Das gehobene Bürgertum des Göttinger Ostviertels war davor genauso wenig gefeit wie die bäuerlichen Familien im Landkreis. Auch Kinder aus sozialdemokratischen Elternhäusern, wo eine regimekritische Einstellung vertreten wurde, hätten Karriere im Bund deutscher Mädel oder in der Hitlerjugend gemacht und seien später als überzeugte Nazis in die NSDAP eingetreten.

Eltern hätten in dieser Situation keine andere Wahl gehabt, als bei der Entscheidung ihrer Kinder zuzuschauen. Denn die Furcht war groß, von den eigenen Kindern denunziert zu werden.

Diese Kinder sind inzwischen um die 90 Jahre alt und haben vieles verdrängt, vieles sei ihnen erst in der Retrospektive bewusst geworden, sagt Rosenbaum im Gespräch mit Günter Blümel, der moderierte. Beispielsweise die Wirkung, die Rituale, Gesänge und Fackelumzüge auf ihre emotionale Welt hatten.

Wenn in den Ferienlagern der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädel das „Deutschlandlied“ oder das „Horst-Wessel-Lied“ gesungen wurden, verstanden die Kinder von damals wenig von der politischen Bedeutung, das Singen an sich sei von den meisten jedoch als schön empfunden worden.

Sehr wenig über Politik gesprochen

Wie Rosenbaums Untersuchungen zeigen, wurde mit den Kindern damals sehr wenig über Politik gesprochen. Als in Göttingen die Synagoge in Brand gesteckt und die Schaufenster jüdischer Kaufleute zerschlagen wurden, hätten nur die Kinder, die in der Innenstadt lebten, davon etwas mitbekommen.

Und doch konnten sie durch Gerüchte und Gespräche der Eltern über Nachbarn, Verwandte und Kollegen eine Ahnung davon bekommen, was im Land los war und welche Einstellung die Eltern hatten.

Ihr Buch und die Veröffentlichung der darin enthaltenen Interviews birgt jetzt die Chance das Schweigen in den Familien zu durchbrechen.

Heidi Rosenbaum: „Und trotzdem war‘s ‚ne schöne Zeit“: Kinderalltag im Nationalsozialismus, Campus-Verlag, 681 Seiten, 29,90 Euro.
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