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Willkommen im Altersheim

Helge Schneider Willkommen im Altersheim

Nachdem er 2014 seinen Abschied verkündet hatte, befand er zwei Jahre später beim Betrachten seines Spiegelbildes in einer Schaufensterscheibe, dass er für Rente noch zu jung sei und wieder arbeiten will. Dass das eine gute Idee war, bewies Helge Schneider mit frischen 60 Jahren in der Lokhalle.

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Helge Schneider lässt sich in der Göttinger Lokhalle Tee servieren.

Quelle: Linnhof

Göttingen. Großer Applaus als Schneider im typisch blauen Anzug mit Schlaghose und Kontrabass die Bühne betritt und mit einer gestrichen schrägen Darbietung von „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ und „Freude schöner Götterfunken“ loslegt.

Dann hat im schicken Livree Bodo seinen ersten Auftritt. Als Running Gag wird er Schneider im Laufe des Abends Stühle, Instrumente und vor allem regelmäßig Tee reichen. Und zwar richtigen Tee, wie Schneider angibt, Holztee, keinen Laminattee, sondern normalen 36-Grad-Tee. Außerdem nehme er vor dem Konzert regelmäßig 30 Tabletten, Retardkapseln und für Göttingen, eine der schönsten Städte Europas, habe er sogar fünf Kapseln extra genommen. Vielleicht deshalb, weil er hier zeigen muss, dass er den Satirpreis Göttinger Elch verdient hat: 2009 wurde ihm der im Deutschen Theater verliehen.

Schneider redet und spielt sich warm und ruft dann seine 6-köpfige Combo auf die Bühne. Es folgt ein Feuerwerk an Geschichten und Pointen, vorzüglich musikalisch untermalt. Schneider mimt einen Anruf aus der Privatwohnung von Inge Meysel mit klappernden Zähnen. Ihr Gebiss habe sich selbstständig gemacht und seine Nummer stände bei ihr an erster Stelle, „falls mal was is“. Mit einer kleinen Affenhandpuppe, die er in der DDR gekauft habe, legt Schneider ein Trompetensolo hin. Der Mensch bestehe zu 99,99 Prozent aus Wasser und zu 0,01 Prozent aus Intelligenz, erklärt Schneider in einer kleinen Teepause, nur bei ihm sei das genau umgekehrt.

Es gibt bekannte Songs wie „Katzeklo“ und die „Wurstfachverkäuferin“ in schmissigen neuen Versionen. Mit einer „Königstrommel“, die er unter widrigen Umständen in Essen gekauft habe, begleitet er sich zu „Nachtigall huh“, ein Lied, auf dem ein Fluch liege.

Neben Bodo hat Schneider noch einen zweiten Sideman auf der Bühne. Sergej darf zu „Die Trompeten von Mexiko“ ein schmissiges Saxophonsolo beitragen. Seinen großen ballettartigen Auftritt als Mime hat dieser zu „Meisenmann“, ein tragisches Stück, in dem der Protagonist zum Ende im Magen seiner Gattin landet, die sich als Kuckuck entpuppt.

Dass Schneider ein großartiger Musiker ist, zeigt er an vielen Instrumenten, kongenial unterstützt von seiner Band, die er in Anspielung auf deren Alter zum Ende mit „willkommen im Altersheim“ vorstellt. Ein kurzweiliger Abend zwischen Klamauk und Tanzmusik endet unter großem Applaus mit Schneider am Kontrabass wie er begonnen hat.

 

Von Jörg Linnhoff

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