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„Hermaphroditos – Ich bin die Metamorphose, Baby“ im Jungen Theater

Grammatik des Körpers „Hermaphroditos – Ich bin die Metamorphose, Baby“ im Jungen Theater

Eine Toncollage eröffnet das Geschehen. Treibende Musik, Gelächter, die Stimme von Angela Merkel, wie sie sagt, dass sie sich schwer tue bei der Frage, ob homosexuelle Paare völlig gleichgestellt werden sollten, Schnipsel aus Talk-Shows und Filmen, dazwischen immer wieder Demonstranten, die sich über eine Reform des Sexualkundeunterrichts empören.

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Coming-out: René Reith.

Quelle: EF

Göttingen. Schwarzweiß flackert die Bühne, ein Mann in Stöckeln schreitet ebenso anmutig wie energisch den Zuschauern entgegen. Sein Körper scheint zu fließen, und er wirft neckisch seine Hüfte hin und her. Die Bühne des Jungen Theaters verwandelt sich in eine Mischung aus Musikvideo und Modeshow.

Dann wird es still. Der junge Mann stellt sich vor. Er sagt, er sei Hermaphroditos, er sei die Metamorphose, Baby. Er ist auch der Schauspieler René Reith. Das ist wichtig, denn das Stück ist teilweise auch seine persönliche Offenbarung. Hier verschmilzt nicht nur, was Mann ist, was Frau ist, hier wird auch die Differenz von Schauspiel und Leben aufgehoben. Die Reflektion darüber, was Geschlecht sei, vollzieht sich noch auf der Bühne und bleibt uneindeutig, will sich nicht definieren.

Denn alles fließt hier. Auch Hermaphroditos, wie er auf der Bühne steht und die Geschichte von Hermaphroditos erzählt, wie dieser einst mit einer Nymphe zu einem Wesen verschmolz, halb Mann, halb Frau und eigentlich keines von beiden. Sein Körper ist dabei in ständiger Bewegung. Die Arme strecken sich, fallen herab, streicheln den Körper und führen jegliche kulturelle Codes, die sich in der Gestik offenbaren könnten, ad absurdum. „Die Sprache kennt nicht die Grammatik des Körpers“, sagt das Wesen.

Da ist mehr

Das Ein-Personen-Stück „Hermaphroditos – Ich bin die Metamorphose, Baby“ ist eigentlich eine Koproduktion von „Reithkaresschudyripberger“, die sich auch in der konkreten Performance wiederfinden will. Immer wieder greift Regisseur Peer Ripberger ein, lässt Reith Einwürfe der Produktionsleiterin Meike Schudy und des Autors Maxim Kares verlesen.

Reiths Eltern sitzen an diesem Abend im Publikum, der Schauspieler spricht zu ihnen über die Absurdität seines Coming-outs, über Diskriminierung und Begehren. Was Kunst ist, was echt, verliert sich in diesem Konglomerat an Texten. Dazwischen tanzen und prügeln sich Nymphen, Satyrn und Halbgötter und spätestens als Hermaphroditos den Sprung aus der antiken Mythologie in die Modewelt des 21. Jahrhundert macht, wird alles zur Fantastik.

Aber da ist mehr. „Hermaphroditos“ kritisiert den obligatorischen Dualismus von Mann und Frau als unlogisch und künstlich aufrechterhalten. In der Modewelt, so zeigt das Stück, lässt sich dieser Dualismus in Frage stellen, weil der Körper sich hier exotisieren, konsumieren und verkaufen lässt. Die Erotik liegt aber woanders: in der Ausnahme, im Besonderen, egal mit welchem Merkmal. In der Realität droht der alternative Körper also zu scheitern und dass, obwohl es sich vielleicht sogar umgekehrt verhält, dass nämlich der wahre Mythos ist, dass die Menschen zu 100 Prozent Männer und Frauen seien.

Von Serafia Johansson

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