Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
„Hochzeit bei den Chromagnons“ im Theater im Fridericianum

So also geht Leben im Krieg „Hochzeit bei den Chromagnons“ im Theater im Fridericianum

Das Wellblech scheppert, das es einen graust. Das Metall bedeckt eine Hütte auf der Bühne des Theaters im Fridericianum, der Studiobühne des Staatstheaters. Hier hatte jetzt „Hochzeit bei den Chromagnons“ Deutsche Erstaufführung.

Voriger Artikel
Kulturtipps für Göttingen von Peter Krüger-Lenz
Nächster Artikel
„Matthias Brodowy – In Begleitung“: Kabarettkonzert zum Bistumsjubiläum

 Starkes Team mit Hammel: Uwe Steinbruch, Eva-Maria Keller, Anke Stedingk, Sabrina Ceesay und Christoph Förster.

Quelle: Klinger

Kassel. Geschrieben hat es der im Libanon geborene und inzwischen in Frankreich lebende kanadische Autor Wajdi Mouawad, der mit seinem Stück „Verbrennungen“ Anfang des neuen Jahrtausends bekannt wurde. „Hochzeit bei den Chromagnons“ verfasste er weit früher, es wurde im Jahr 1992 uraufgeführt. In Kassel hat es Gustav Rueb inszeniert.

Autor Mouawad verließ mit seinen Eltern seine Heimatland wegen des Libanon-Krieges. In Frankreich bekam die Familie kein Bleiberecht. Sie ging nach Kanada. Kein Wunder also, dass Mouawad über den Krieg schrieb. Über die zerbombten Häuser in Beirut, in denen niemand mehr anständig wohnen kann. Die modernen Menschen wurden zurückgebombt in die Höhlen, wo sie wie Cro-Magnon-Menschen leben, die zu den ersten Vertretern der Gattung Homo sapiens zählten. Sie halten am letzten bisschen Zivilisation fest, das ihnen geblieben ist. Sie sind vulgär und brutal, liebevoll und zärtlich.

Sie bereiten die Hochzeit von Tochter Nelly (Sabrina Ceesay) vor, die an Narkolepsie leidet. Sie fällt einfach um und schläft. Vater Néyif (Uwe Steinbruch) besorgt trotz der überall lauernden Heckenschützen einen Hammel fürs Fest, den er grotesk mit der Schere schlachtet. Später holt er die Hochzeitshose des Sohnes von der Leine vor dem Haus und wird beinahe erschossen. Wild ist das Leben im Lager, grausam und brutal, manchmal schreikomisch, lüstern und hier und da sogar fast schon charmant. Genau so hat Rueb das Stück inszeniert. Er zeigt Menschen, die überleben wollen und irgendwie leben müssen.

90 sehr anstrengende Theaterminuten sind zusammengekommen, verschnaufen gilt nicht. Beeindruckend passende Musik von Eric Schaefer treibt das Geschehen in der Flüchtlingshölle (Bühne und Kostüme: Daniel Roskamp) voran. Raketen fliegen, Bomben hageln und mittendrin flammt immer wieder Hoffnung auf. Das Ensemble um Steinbruch, Anke Stedingk, die die Mutter spielt, Christoph Förster als jüngstem Sohn und Eva-Maria Keller als Nachbarin Souhayla stellt eine große, fast schon bedrohliche Nähe zum Publikum her. So also geht Leben im Krieg. Ihrem Spiel kann man sich nicht entziehen. Ein beängstigend mitreißender Abend voller Gewalt und Komik, den das Publikum ausgiebig feierte. Völlig zu recht.

Weitere Vorstellungen: 16. April sowie am 9., 16. und 24. Mai um 20.15 Uhr im Theater im Fridericianum, Karl-Bernhardi-Straße. Kartentelefon: 05 61 / 10 94 222.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff