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„Homo Empathicus“ von Kricheldorf im Deutschen Theater

Das Mensch „Homo Empathicus“ von Kricheldorf im Deutschen Theater

Erich Sidler zeigt Mut. Zum Auftakt der Spielzeit 2014/15 im Deutschen Theater (DT), seiner ersten als Intendant des Hauses am Wall, hat er sich nicht einen Klassiker vorgenommen. Shakespeare vielleicht. Oder einen Kleist.

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Das Zusammen wächst, was zusammen gehört: übernommene und neu gekommene Schauspieler suchen und finden sich.

Quelle: Aurin

Göttingen. Sidler inszenierte „Homo Empathicus“, ein Stück, das es noch nicht gab, als Sidler den Spielplan veröffentlichte. Er engagierte Rebecca Kricheldorf, eine der renommiertesten Theaterautorinnen Deutschlands. Eine Vorgabe Sidlers machte das Schreiben nicht einfacher: Alle 26 Schauspieler des Ensembles sollten dabei sein. 13 Akteure stammen noch aus der Ära Mark Zurmühle, Sidlers Vorgänger, 13 hat Sidler neu engagiert. Herausgekommen ist ein theatrales Statement.

Prägnant ist der Rahmen. Bühnenbildner und Ausstatter Gregor Müller hat eine Wand entworfen, die vor und zurück fährt, den Bühnenraum also verengt oder erweitert. Auch von ihrem oberen Rand greifen Akteure immer wieder ins Spiel ein. Ein kleines ausgesägtes Herz ist auf der Wand zu sehen.  Ja, hier ist die Toilette, ja, auch in dieser Kuschelgesellschaft wie Kricheldorf sie schildert, müssen die Menschen aufs Klo. Das allerdings hörbar mit viel Vergnügen.

In der Welt, in der der Homo Empathicus angekommen ist, wird die politische Korrektheit auf die Spitze getrieben. Der Mensch? Die Mensch? MenschInnen? Die Lösung heißt „das Mensch“. „Das Geschlecht ist Privatsache“, ranzt die Menge einen unbedachten Sprecher an.  Hier leben das Studierende, das Wegsprechende, das Hygienespezialisierte, das Dozierende, das Schauspielende und noch einiges andere. Alle sind getragen von Empathie, von überwältigendem Mitgefühl für den anderen. Hier fällt kein böses Wort, wenn doch, wird therapiert. Ein Paradies auf Erden – oder eben auch nicht. Der Mensch ist abgeschliffen auf ein Funktionierendes. Konflikte werden ausgeblendet, nicht ausgetragen. Alle haben sich ganz doll lieb.

Ein Paradox aus einer anderen Zeit

Kricheldorfs Bühnentext hat die Gemengelage wunderbar auf die Spitze getrieben. Immer wieder kichert das Premierenpublikum. Der Text bietet Sidler die Folie, seinem Ensemble beim Zusammenwachsen zu helfen und uns dabei zuschauen zu lassen. Manchmal erinnern die Szenen an den Unterricht an Schauspielschulen, wo junge Menschen auf einen Beruf vorbereitet werden, der ihnen emotional sehr viel abverlangt, sie aber auch oft alleine lässt. In Kleingruppen werden Szenen erarbeitet, in chorischen Massenszenen formt sich die Gruppe zu Choreographien, für die Valentí Rocamora i Torà verantwortlich zeichnet. Konstellationen werden erprobt, erste Bekanntschaften geknüpft. Alles bei großer körperlicher Nähe.

Gegen Ende dann, soviel überraschende Wendung muss sein, brechen zwei Menschen in die Szenerie ein, ein Mann, eine Frau. Sie führen ihrem Körper Alkohol und Nikotin zu, verkürzen so ihr Leben und haben doch Angst vor dem Tod, stellen die empathischen Zukunftsmenschen verblüfft fest. Ein Paradox aus einer anderen Zeit, das seine Auflösung in einer weiteren Wendung findet. Und die ist dann endgültig ein Statement Sidlers, wie er sich sein Theater vorstellt.

Es sei eine spannende Situation, hatte Sidler wenige Tage vor der Premiere erzählt. Denn erst in der Probenzeit zeige sich, ob das Ensemble, das er mit seinem Leitungsteam zusammengestellt habe, wirklich funktioniere. Nach der ersten Premiere sollte der Intendant sich vorerst entspannen können. Viele der übernommenen Schauspieler ergriffen die Gelegenheit, mit den Neuen Neues zu entdecken, die Neuen brachten ihre Stärken ein. Viel Ernsthaftigkeit steckt darin, aber auch wundervolle Komik. So kann das ruhig weitergehen – dachte wohl auch das Premierenpublikum, das Ensemble und Regieteam mit lang anhaltendem Applaus begrüßte.

Die kommenden Vorstellungen im Oktober: 8., 15., 20. und 31. um 19.45 Uhr im Großen Hause des Deutschen Theaters Göttingen, Theaterplatz 11. Karten gibt es unter der Telefonnummer 05 51 / 49 69 11.
 
► Kommentar: Statement für die Zukunft
Peter Krüger-Lenz

Peter Krüger-Lenz

Quelle:

Einer geht, ein anderer kommt. Das ist üblich an den Theatern dieser Welt. Erich Sidler hat das Deutsche Theater von Mark Zurmühle übernommen. Der hatte die Qualitätslatte in den 15 Jahren seiner Amtszeit sehr hoch gelegt. Dass Sidler für seine erste Produktion nicht auf Bewährtes zurückgreift, zeugt von Mut und Selbstbewusstsein. Er hat ein Statement gesetzt für die Zukunft des Hauses am Wall. Und seine Schauspieler ziehen offensichtlich erst mal mit.

Das hat das Wochenende der Saisoneröffnung gezeigt. Die gute Stimmung war spürbar, vor der Vorstellung und auch danach. Da stellte Sidler das künstlerische Leitungsteam der Uraufführung im DT-Bistro vor. Gerne hätte er auch die Schauspieler präsentiert, doch das hätte den Rahmen gesprengt.

Er wird es künftig tun. Das spricht für Sidlers Sinn für Kommunikation und für seinen Plan, die Protagonisten zu den Gesichtern des Theaters in der Stadt zu machen. Ein vielversprechender Start für ein vielversprechendes Projekt Deutsches Theater.

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Uraufführung
Schelmenstück: die zwei Toms (Moritz Schulze, hinten links, und Florian Eppinger, hinten rechts) schauen den stummen Zwillingen (Elias Heintz, Vera Eppinger), Pit Harper (Laurenz Wittmer), Ben Rogers (Lynn Ebert) und Amy Lawrence (Yanthe Glienke) (v. l.) beim Zaunstreichen zu.

„Ich habe das Buch früher mindestens zehnmal gelesen“, sagt ein Premierenabonnent nach der Vorstellung im Deutschen Theater (DT). Andere erzählen von der Spannung, wenn die Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn vorgelesen wurden, abends, im Bett. Kaum jemand, der sie nicht kennt. Im Deutschen Theater hatte jetzt eine Bühnenadaption des Stoffes Uraufführung.

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