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"Ich habe immer Lampenfieber"

Interview mit Peter Lohmeyer "Ich habe immer Lampenfieber"

Harte Schale, weicher Kern - der Schauspieler Peter Lohmeyer kann beides. Wenn er als Gastsänger des Clubs der toten Dichter Texte des pockennarbigen Gossenpoeten Charles Bukowski intoniert, dann strahlt er eine Coolness aus, die nie zur Pose erstarrt.

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Peter Lohmeyer.

Quelle: Heller

Herr Repke, Herr Lohmeyer, was ist cool an Charles Bukowski?

Reinhardt Repke: Cool war für mich, diesen Bukowski wiederzuentdecken. Vor 15 Jahren hatte ich einen seiner Gedichtbände in der Hand. Ich war überrascht war, dass seine Texte nicht nur von Sex und Saufen handeln, sondern auch sehr zärtlich und direkt sind. Und daran habe ich mich erinnert. Man würde seinem Werk Unrecht tun, wenn man es nur auf das eine reduzierte. Ihn so zu zeigen, fand ich cool.

Bukowski gilt als der „dirty old man der US-Literatur“, weil seine Texte sich meist um seine Erfahrungen mit Sex, Prostituierten und Alkohol drehen. Welchem Bukowski begegnet man auf Ihrem Album?

Peter Lohmeyer: Bukowski ist so viel. Vor etwa 30 Jahren bin ich ihm zum ersten Mal begegnet, bei irgendjemandem lag eines seiner Bücher auf dem Klo. Ich weiß nicht mehr, ob ich ihn sofort verstanden habe, aber er hat mich unmittelbar berührt. Da stand jemand am Rand und guckte in die Mitte. Die Texte auf diesem Album hat Max ausgesucht, aber auch für mich ging eine Tür auf. Bukowski ist ein komplett authentischer Dichter, er hat das gelebt, worüber er schrieb. Das heißt nicht, dass wir das auch so leben wollen, aber es berührt uns. Ich bin von Beruf Geschichtenerzähler, und jetzt mache ich das halt mit Musik. Lyrik zu lesen ist nicht so easy, wenn ich Gedichte vortrage, muss ich richtig trainieren. Ich empfinde Bukowski als etwas ganz Zartes und Besonderes. Gestern war ich noch im Themroc hier in Berlin, da hängt über der Bar noch ein Foto von Bukowski. Aber mein Sohn kennt den schon nicht mehr, deshalb bin ich froh, dass wir das jetzt weitertragen.

Ist Bukowski modern?

Repke: Sein Werk ist zeitlos. Ich denke nicht in Kategorien wie modern oder unmodern, sondern schaue, ob es mich irgendwo anspricht oder inspiriert. Ich muss Texte immer wieder lesen, bis ich damit rund bin. Und wenn ich dann damit rund bin, kann ich auch komponieren.

Haben Sie, Herr Lohmeyer, in den Texten einen Link zur eigenen Biografie gefunden?

Lohmeyer: Ich komme aus der bürgerlichen Mitte und mir ging es immer gut, ich hatte nie so einen Vater oder so eine Kindheit wie Bukowski. Ich bin weder so abgestürzt wie er noch habe ich das Bedürfnis danach. Ich habe eine Distanz zu den Dingen, aber ich versuche sie zu fühlen. Was mich an Bukowski fasziniert, ist seine besondere Art, Geschichten zu erzählen. Ich glaube ihm, und man soll auch mir glauben. Es gibt auch Dichter, die können einen unglaublich gut verarschen, Karl May hat das mit uns getan. Ich weiß nicht, ob ich auch bei Goethe ja gesagt hätte, obwohl es ein ganz großer Dichter ist. Der Zugang ist bei mir immer sehr direkt.

Wie haben Sie aus Bukowskis Gedichten Songs gemacht?

Repke: Ich mache die Demos immer fertig mit allem, was mir einfällt. Da ist dann auch schon der Sound von der Band mit drin, weil ich ja andere davon überzeugen will. Insgesamt arbeitete ich anderthalb Jahre an den Bukowski-Songs. Aber dann verändern sich auch Sachen, jeder spielt anders. Es gab auch Songs, bei denen Peter sich nicht hundertprozentig wohl fühlte, die habe ich dann gesungen. Die Jungs in der Band sind alle so offen, dass man mit den Songs viel machen kann.

Lohmeyer: Für mich war sehr bereichernd, dass auf dieser CD so verschiedene Sachen drauf sind. Ich liebe die Abwechslung. Das ist auch Bukowski, den kannst du nicht eins zu eins durchziehen. Jedem Song liegt eine andere Idee zugrunde.

Ist Bukowskis Sprache heute noch einzigartig?

Lohmeyer: Was heißt einzigartig? Jeder von uns ist einzigartig. Für mich ist das so, als hätte sich eine Freundschaft zwischen mir oder uns und Bukowski ergeben. Und dann gehen wir einen gemeinsamen Weg. Er ist deshalb einzigartig, weil er als Outsider konsequent seinen eigenen Weg gegangen ist. Das war womöglich auch sein Glück. Ich mag grade Typen. So viele gibt es davon nicht, gucken Sie sich mal die ganzen Politiker an.

Bewegen auch Sie als Künstler sich außerhalb der Gesellschaft?

Repke: Wir können froh sein, dass wir heute leben. Früher hätten wir zum fahrenden Volk gehört und da wäre es nicht weiter aufgefallen, wenn mal ein Musiker umgebracht worden oder ein Hofnarr beim König in Ungnade gefallen wäre. Man sagte: „Mutter, nimm die Wäsche ab und sperr die Töchter weg, die Musiker kommen!“ Ich habe mich jahrelang als Outsider gefühlt, mittlerweile genieße ich es. Wenn ich will, kann ich auch in Jogginghosen rumlaufen oder mir erst nachmittags die Zähne putzen. Diese Freiheit genieße ich.

Lohmeyer: Man muss kein Outsider sein, um zu Bukowski einen Zugang zu finden. Wahrscheinlich gehöre ich immer noch zur bürgerlichen Mitte, auch wenn ich mich politisch links bewege oder die Augen offen habe. Bukowski hatte immer die Augen offen, egal, wie besoffen er war. Ich muss aber vor unseren Auftritten keinen saufen, damit es richtig abgeht. Ich bin dazu ausgebildet, mich mit solchen Dingen zu beschäftigen. Die Kunst ist, etwas zu erzählen und es nicht vorzulügen.

Was ist das für ein Gefühl, mit einer Band auf Tour zu gehen?

Lohmeyer: Ich war schon mal mit meiner Band Hotel Rex und einem Johnny-Cash-Programm unterwegs. Nils Koppruch, der vor drei Jahren leider verstorben ist, war auch dabei. Ich kenne das also, aber Frontmann einer Band zu sein ist noch mal was anderes. Da habe ich total Bock drauf, aber auch Schiss davor. Lampenfieber habe ich sowieso immer. Zum Glück bin ich nicht allein auf der Bühne, sollte ich zu viel Schiss haben, stelle ich mich einfach zu Spatzi hinters Klavier und schäme mich ein bisschen. Aber ich denke, dem wird nicht so sein.

Wann hatten Sie Ihren ersten Live-Auftritt als Sänger?

Lohmeyer: Das war 2003 an der Volksbühne anlässlich des 50. Todestags von Hank Williams. Neben mir stand Günter Märtens, der Bassist von Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys. Er ist 2,10 Meter groß und nickte mir zu, das war mein Einsatz. Davor habe ich immer am meisten Schiss. Auf der ausverkauften Waldbühne hier in Berlin bin ich einmal mit Max Raabe vor 16.000 Leuten aufgetreten. Da war ich so nervös, dass ich prompt meinen Einsatz verpasste. Aber Max hat direkt auf diesen Ton meine Zeile gesungen und danach war ich wieder drin. Das kannst du nur, wenn du eine eingespielte Truppe um dich herum hast. Unser Drummer hat mit Udo Lindenberg das Unplugged-Album eingespielt, da wird er ja wohl auch mit mir zurechtkommen. (lacht)

Sind Sie jetzt eigentlich ein Rocksänger?

Lohmeyer: Rocksänger ist schwierig. Vielleicht bin ich ein Troubadour, aber das klingt mir zu sehr nach Asterix. Ich bin Sänger! Im Prinzip bin ich ein Geschichtenerzähler, der singt und nicht vom Blatt abliest. Was dann passiert, machen die da unten und die da oben mit mir. Es ist etwas anderes, wenn du nach dem Konzert noch Platten signierst und mit dem Publikum sprichst. Das ist sehr intim. Beim Theater und beim Film hast du sowas nicht.

Welches war Ihr musikalisches Erweckungserlebnis?

Lohmeyer: Das passierte in Stuttgart, wo ich eine Zeitlang mit meinen Eltern gewohnt habe. Ich hörte damals Suzi Quatro, Sweet, Yes und Nektar. Praktisch alles zwischen Psychedelic und „Ballroom Blitz“.

Das Album „Charles Bukowski. Gedichte neu vertont“ wartet auf mit melancholischen Liedern über Nazi-Tramps, himmlische Brühe oder Papiertermiten. Beim Interview mit Olaf Neumann in Berlin setzt der schlaksige Lohmeyer immer wieder ein weises Grinsen auf. Flankiert wird er von Bandleader Reinhardt Repke

Die AfD in Sachsen-Anhalt verlangt in ihrem Wahlprogramm nach einem autoritären Staat, der auch in den Kulturbetrieb eingreift. Macht Ihnen diese Entwicklung Angst?

Lohmeyer: Ein Beispiel dafür haben wir direkt nebenan: Ich könnte kotzen, wenn ich sehe, was in Polen gerade stattfindet. Ich habe darüber mit polnischen Kollegen gesprochen, die sind dermaßen sauer und schämen sich fremd für ihre Regierung. Solch eine Entwicklung hätte ich dort nicht erwartet. Ich glaube nicht, dass sowas auch bei uns durchsetzbar ist. Da bin ich sehr zuversichtlich. Die Kunstszene in Deutschland hat politisch schon auch Macht. Das lassen wir nicht mit uns machen.

Repke: Erst einmal schockiert mich das. Ich merke aber bei vielen Leuten, dass sie vor Ort dagegenhalten. In einer funktionierenden Demokratie kann man Argumente austauschen. Was die Medien betrifft, gibt es insgesamt zu viele negative Meldungen. Ich muss in Berlin nicht wissen, was in einer bayrischen Gemeinde Schlimmes passiert ist.

Jeder Unfall wird von den Medien ausgeschlachtet. Das macht etwas mit den Menschen. Ich glaube, wenn man in seinem eigenen Umkreis Menschen gut behandelt, dann kann wieder Vertrauen, Nachbarschaftsliebe und Freude entstehen. Wir brauchen mehr von diesen kleinen Keimzellen der Zuversicht. Aber auch ein Auftritt von uns, bei dem die Leute mal abschalten können, kann helfen bei all den großen Problemen, die wir jetzt haben.

Herr Lohmeyer, Sie lieben Fußball. Hat der Fifa-Skandal Ihnen die Freude am Fußball genommen?

Lohmeyer: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Ich gehe wahnsinnig gerne ins Stadion und spiele gern selber Fußball. Diese ganze Korruptionsscheiße geht mir völlig auf den Sack. Aber wie naiv sind denn alle drum herum? Als hätten wir nicht gewusst, dass wir diese WM nie gekriegt hätten, wenn wir nicht geschoben hätten. Da ist ja wohl ganz klar. Aber jetzt tun alle, als wäre das Thema ganz neu auf dem Tisch.

Ist die Zeit der Romantik im Fußball endgültig vorbei?

Lohmeyer: Nein. Eigentlich bestimmen die 60.000 im Stadion, ob es vorbei ist. Wenn die nicht mehr kommen, dann ist es vorbei. Der Bundesliga geht es glänzend, es gibt kein Land der Welt, wo die Stadien so voll sind wie bei uns. Warum geben wir Fans diese Macht ab und lassen uns rumdirigieren? Wenn keiner mehr kommen würde, hätte man damit alles im Sack und für die Spieler gäbe es keine Motivation mehr zu spielen. Dann fließen die Gelder womöglich nicht mehr. Jeder sollte sich einmal klar machen:

Ohne dich selber kann nichts weiterlaufen! Nach Katar wird kaum einer hinfahren, dort werden Leute dafür bezahlt werden, dass sie sich da bei 50 Grad ins Stadion setzen. Aber ich lass mir den Spaß am Fußball von denen da oben nicht nehmen. Letztendlich findet er auf dem Platz statt, selbst wenn die Spieler auch gedopt sein sollten, wird da nicht so viel geschoben wie woanders.

Von Olaf Neumann

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