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„Ich wollte das Buch mögen“

Literarisches Zentrum Göttingen „Ich wollte das Buch mögen“

Rund 90 000 Bücher sind im Jahr 2015 in Deutschland erschienen, viele davon auf den einschlägigen Messen in Leipzig und Frankfurt vorgestellt – ein unüberschaubare Berg. Entscheidungshilfe haben jetzt vier Experten im Literarischen Zentrum Göttingen gegeben und ihre Buchtipps vorgestellt.

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V.l.: Tilman Winterling, Margarete von Schwarzkopf, Eckart Kohl im literarischen Zentrum.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Tilman Winterling, Rechtsanwalt und Blogger aus Hamburg, hatte sich für seinen Tipp von seinem Umfeld verleiten lassen. Viele seiner Freunde bekämen gerade Kinder erklärte Winterling und empfahl „Zuckersand“ von Jochen Schmidt, „ein literarischer Tausendsassa“. Schmidt kümmerte sich um seinen zweijährigen Sohn Karl, während die Mutter arbeiten ging. Herausgekommen sei „ein wunderschönes Buch über seinen Sohn“, meinte Winterling.

Das sah der Göttinger Buchhändler Eckart Kohl ganz anders. Er bemängelte, dass sich die Geschichte nur um den Autor drehe und nannte den Text „zwangskomisch“. Kohl: „Literatur kommt nicht aus der Sandkiste.“ Als ganz spannend empfand die Journalistin Margarete von Schwarzkopf es, „die Welt nochmal durch die Augen des Kindes zu sehen“.Die Romanistin Friederike von Criegern von der Universität Göttingen nannte das Buch „wahnsinnig banal“.

Voller grausamer Gewalt

Criegern empfahl dann den dritten Teil eines fünfbändigen Werks des brasilianischen Autors Luiz Ruffato: „Inferno Provisório“, laut Criegern „die Geschichte Brasiliens in Fragmenten“. Sie hält das Buch „sprachlich für anspruchsvoll“ und warnt: „Es ist voller grausamer Gewalt.“

Buchhändler Kohl warb für „Das Floß der Medusa“ von Franzobel – auch dies ein Werk voller Grausamkeiten bis hin zum Kannibalismus. Schwarzkopf schätzt es als „meisterhaft aufgebaut“, Winterling als „unglaublich spannend“. Die Romanistin bemängelte hingegen die Fachsprache, die der Autor verwendete, und beschied: „Ich wollte das Buch mögen, es ist mir nicht gelungen“.

Auch der Vorschlag von Schwarzkopf – „Das geträumte Land“ von Imbolo Mbues – stieß bei den Kollegen nicht auf vorbehaltlose Begeisterung. Die Geschichte der Familie, die aus Kamerun in die USA einreist, wo der Vater seinen Traumjob als Chauffeur eines Lehman-Brothers-Bankers bekommt, bezeichnete Kohl als „Sozialromantik“ und „Ethnokitsch“. Winterling bemängelte die Häufung von Klischees und Criegern würdigte die starken Figuren in der Geschichte.

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