Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Ilma Rakusa zu Gast beim Literarischen Zentrum Göttingen

Hausbesuch Ilma Rakusa zu Gast beim Literarischen Zentrum Göttingen

Ilma Rakusa hat eine Vorliebe für die Einsamkeit. Zumindest auf literarischer Ebene. Und das schon seit vielen Jahrzehnten. 1971 schrieb sie ihre Dissertation über das Motiv der Einsamkeit in der russischen Literatur und 2014 veröffentlichte sie ihren jüngsten Roman unter dem Titel „Einsamkeit mit rollendem ,r‘ “.

Voriger Artikel
Ausstellung zum Thema Fruchtbarkeit in Hann. Münden
Nächster Artikel
„Camerata Bachiensis“ beendet die „Göttinger Reihe Historischer Musik“

Ihre Sprache bewegt sich irgendwo zwischen Poesie und Prosa: Ilma Rakusa.

Quelle: Vetter

Göttingen. An diesem Abend, in intimer Atmosphäre eines Wohnzimmers, wirkt sie jedenfalls wenig einsam. Zum 17. Mal findet der „Hausbesuch“ des Literarischen Zentrums statt. Mit Rakusa eine gute Wahl. Auf dem Sessel sieht die Autorin, Übersetzerin und „Europolitin“ aus wie eine Bekannte, eine Freundin der Familie, die bei einem Glas Wein aus ihrem Leben erzählt. Sie liest von den Einsamen. Von einer verlorenen Liebe zu einem jungen Skifahrer aus Flandern, von einem Dorf in Italien. Die Einsamen sind hier Menschen aus der Türkei, Ungarn, Russland, eben aus den Ländern, wo die Worte rollen.

Rakusa selbst hat ungarische und slowenische Wurzeln. 1951, bereits fünf Jahre vor dem Volksaufstand in Ungarn, beschloss der Vater, in ein demokratisches Land zu ziehen. Der Weg führte über Budapest, Ljubljana und Triest und endete schließlich in Zürich. Deutsch war lediglich die vierte Sprache, die die Schriftstellerin erlernte, und dennoch publiziert sie genau in dieser. Aus den anderen übersetzt sie. Und das mit Erfolg. Der Petrarca-Übersetzerpreis ist nur eine von vielen Auszeichnungen für ihre Arbeit.

Rakusa hat auch eine Vorliebe für Sprachen. Im Alter von zehn Jahren entdeckte sie Dostojewski für sich und lernte Russisch, um seinem Werk näher zu kommen. Selbst Übersetzerin, ist sie perfektionistisch, was die Transformation ihrer Werke in andere Sprachen angeht. Ein Titel wie „Mehr Meer“ soll in jeder anderen Sprache genauso wortspielerisch sein und gut klingen. Eine immense Herausforderung für jeden Übersetzer.

Ihr eigenes literarisches Werk ist mehr Poesie als Erzählung. Hier tummeln sich Dutzende Details in einer verdichteten Sprache voller Pflanzen, Menschen, Steine, Geräusche und, wie eine Nebensächlichkeit von vielen, blinzelt hier und da die politische Situation, in der sich die Protagonisten befinden, hervor. Ihr geht es in erster Linie um den Klang der Worte. Das Fundament bilden autobiographisch inspirierte Geschichten. Von ihrer Kindheit in Triest beispielsweise, als sie zum ersten Mal das Meer sah. Sie sagt, sie habe in Wirklichkeit noch nie eine epische Geschichte geschrieben. Ihr Roman „Einsamkeit mit rollendem ‚r‘ “ sei ihr eigentlich nur gelungen, weil sie viele kurze Kapitel geschrieben habe. 69 Kapitel genauer gesagt, und diese habe sie einfach zu einem Roman addiert.

Tatsächlich bewegt sich ihre Sprache auf der Grenze, irgendwo zwischen Poesie und Prosa. Die Sätze sind kurz, voller Bilder, in die man sich leicht hineinfindet, als stünde man neben einem Maler, der eine Landschaft auf die Leinwand bringt. Um diese Fülle überhaupt sehen zu können, begreifen zu können, muss man alleine sein. Vielleicht sogar einsam, erst dann scheint sich die Welt mit ihren Geheimnissen zu offenbaren. Rakusas Texte öffnen dankenswerterweise ein Fenster, durch das der Leser in diese Welt hineinschauen kann. Eben so muss gute Literatur sein.

Von Serafia Johansson

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff