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Im Film zerstörten Träumen nachgehen

Christian Petzold Im Film zerstörten Träumen nachgehen

Einer „der genauesten deutschen Erzähler“ ist im Literarischen Zentrum Göttingen zu Gast gewesen: der Filmregisseur Christian Petzold. Gesprochen hat er über seine Ansichten zum Film, zu Schauspielern und elliptisches Erzählen. 

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Mit Kraft und Überzeugung: Regisseur Christian Petzold.

Quelle: Mischke

An der Traurigkeit des Kinos wärmen wir uns auf“, meint Christian Petzold im Literarischen Zentrum. In einem rasanten, ausführlichen  Gespräch lästert er auf witzige und unterhaltsame Weise über Fernsehfilme, deskriptive Dialoge, Informationsbebilderungen und banale, vermeintlich realistische Darstellungsweisen: Erkennbare Städte verschwänden aus den Polizeifilmen. Stattdessen tauche das auf, was man sich traue: „Klischeebauern mit Flanellhemd und Sense!“ 

Er ist überzeugt: „Ich respektiere meine Personen, deswegen buchstabiere ich sie nicht aus.“ Die Biografien der Protagonisten stehen darum nicht im Drehbuch, Petzold schreibt sie für sich und formuliert sie erst dann endgültig, wenn er weiß, mit wem sie besetzt werden. Die Schauspieler lieben das, meint er, sie bekommen einen Körper und reduzieren das Erzählen noch mehr. Elliptisch nennt Gesprächspartner Erik Westermann die Erzählweise und verweist zu Recht auf die „Rinnsteine“ zwischen Comic-Bildern, die auch Petzolds Bildsprache zu gliedern scheinen. 

„Das amerikanische Kino ist das wichtigste für mich.“ Das beginnt für Petzold bei „Die durch die Hölle gehen“ und endet bei „Titanic“ – „Der Film ist so toll erzählt“, schwärmt er. „Allein wie der Geliebte ins Wasser gleitet! Das ist nur ein Gedanke, der kostet nicht viel Geld.“ Man erfährt viel über den Regisseur, der so gern Auskunft gibt. Der Film sei das einzige Medium, das zerstörten Träumen nachgehen könne. 

Mit Leidenschaft

Mit Macht macht Petzold seinen Ansichten Luft: „Der ganze Faschismus geht mir auf den Sack, Rassismus sowieso“. „Die Innenstädte sind entsetzlich. Überall der gleiche Kack, Thalia, Schlecker, Hugendubel, wenn Karstadt stirbt, stirbt die Stadt und der ganze Scheiß.“ Wenn er so spricht, schwellen die Adern an seinen Schläfen an, die Haut spannt sich über den Gesichtsmuskeln. Vehement vertritt er seine Meinung, nicht im Zorn, aber mit Leidenschaft.  

Auf von Torsten Kellner wohlüberlegt gestellte Fragen wie „Mögen Sie Vampirfilme?“ kann die Antwort schon mal auf Umwegen über Spongebob, Nosferatu und Petzolds Kinder, die jede Woche zwei Filme von ihm gezeigt bekommen, sowie die Bedeutung der Sprengung des Raum-Zeit-Kontinuums führen, um schließlich beim schlichten „Ja“ zu landen. Die Kraft und Überzeugung, mit der Petzold spricht, die Intensität und auch der Humor lassen die Zuhörer den Gesprächsschleifen dieses Abends begeistert folgen.  

Von Tina Lüers

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