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Im Schatten der Märchensammler

Ludwig Emil Grimm Im Schatten der Märchensammler

Die Hanauer Familie Grimm gehört zu den berühmtesten Hessens. Jetzt ist ein opulenter Band zu den Erinnerungen von Ludwig Emil Grimm erschienen. Der Zeichner stand im Schatten seiner Märchen-Brüder.  

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Ludwig Emil Grimm, abgebildet auf einer Radierung.

Quelle: dpa

Frankfurt/Main. Das Hanauer Schloss Philippsruhe verwahrt in seinem Museum ein kleines Zeichenbuch eines 15-Jährigen aus dem Jahr 1805. Schon im Übungsheft von Ludwig Emil Grimm ist zu erkennen, dass der Spross der berühmten Familie versiert mit dem Zeichenstift umgehen kann. Seinen Figuren verleiht er bereits damals gerne etwas Karikaturhaftes.

Vier Jahre später darf Ludwig Emil seine Skizzenbücher Johann Wolfgang Goethe bei dessen Besuch in seiner Geburtsstadt Frankfurt zeigen.
Im Hause Grimm wurden die Kinder im Zeichnen und Malen unterrichtet. Berühmt wurden die Brüder Jacob und Wilhelm aber mit ihren Märchensammlungen. Bruder Ludwig Emil (1790-1863) half nach seiner Ausbildung an der Münchner Kunstakademie später an seinem Wohnort Kassel auch bei der Illustration der Märchen mit.

Unsere Vorstellungen von der Hexe in „Hänsel und Gretel“ oder „Schneewittchen“ gehen auf ihn zurück.
Ludwig Emil wurde aber auch als Porträtzeichner der akademischen Elite Deutschlands bekannt.

Der gehörten damals seine beiden Brüder an, die als Sprachforscher von Kassel nach Göttingen und später nach Berlin gingen. Weniger geläufig ist, dass Ludwig Emil neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch mit der Feder aktiv war. Jetzt hat die „Andere Bibliothek“ seine Erinnerungen in einem opulenten Band veröffentlicht – zusammen mit  Zeichnungen und Radierungen des Künstlers.

In ihrer kommentierten Leseausgabe würdigen die beiden Herausgeber Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz Grimm als einen großen „Mischkünstler“ der Romantik – als malenden Schreiber und schreibenden Maler. Die Erinnerungen waren nie zur Veröffentlichung gedacht.

Heute ist es zweifellos ein zeithistorisches Dokument, in dem der Maler über seine Lebensstationen und Begegnungen mit Fürsten, Künstlern oder Schriftstellern berichtet. Das liest sich streckenweise durchaus amüsant, ist aber auch keine große Literatur.

Begeistern kann dagegen immer noch das bildnerische Werk Grimms, vor allem, wenn er darin den biedermeierlichen Geist der damaligen Zeit auf die Schippe nimmt. Auch die große Verehrung für seine beiden Brüder sieht er mit durchaus mit ironischem Blick.

In der Zeichnung „Auszug von Kassel nach Göttingen“ hat Ludwig Emil eine großartige Persiflage auf den bildungsbürgerlichem Pomp abgeliefert. „Sei einfach wie sie“, lässt er die im Sonntagsstaat aufgeputzte Menge den Grimms zurufen. Darüber fliegen die Gänse und schreien „Keiner lockt mich von euch“.

Von Thomas Maier

Werk

Heiner Boehncke/Hans Sarkowicz (Hg.), Ludwig Emil Grimm. - Lebenserinnerungen des Malerbruders, Die Andere Bibliothek, Berlin 2015, 576 Seiten, 79 Euro.

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