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“Information Wants to be Free”: Premiere im Deutschen Theater Göttingen

Durchs Netz gefallen “Information Wants to be Free”: Premiere im Deutschen Theater Göttingen

Ein Experiment: Man nehme einen von innen erleuchteten Kubus aus durchsichtiger Folie, verhängt mit weißem Papier, der in der Mitte eines Raumes steht. Man lasse das Theaterpublikum herein, das sich – so ausdrücklich kommuniziert –frei im Raum bewegen solle. Dann lasse man ein Chanson von Brigitte Bardot laufen und Figuren von innen über Wodka und Helium kichern und sprechen. Sonst passiert erst einmal nichts.

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Deutsches Theater Göttingen

Quelle: Hinzmann/Archiv

Göttingen. Und siehe da: Es dauert nicht lange, bis bei der Premiere von „Information Wants to be Free“ im Studio des Deutschen Theaters Zuschauer Hand an den Kubus legen und hineinschauen. Erwünscht war dieser kindliche Forschergeist offensichtlich nicht, zu erwarten war er in einer unklaren Situation wie dieser aber schon.

Das Unklare und Rätselhafte durchzieht die rund 90-minütige Inszenierung von Marcus Lobbes, die sich an der gewichtigen Frage abarbeitet, was mit der Welt und mit uns passiert, wenn alle Informationen jederzeit frei zugänglich sind. Beispielhaft dafür stehen die vier Protagonisten im 2012 uraufgeführten Stück des Schweden Lucas Svensson, alle gespielt von Rebecca Klingenberg und Gabriel von Berlepsch, die den heute alltäglichen Raum von Social Media verlassen und in den politischen Bereich des World Wide Web vordringen und sich im großen Rauschen der Informationen verlieren.

David hat zusammen mit dem offensichtlich an Julian Assange angelehnten Hacker Eli Informationen veröffentlicht, die den Arabischen Frühling möglich gemacht haben. Nun ist der ehemals idealistische Internet-Aktivist David jedoch desillusioniert und krank, während Eli vom CIA gesucht wird. Und dann ist da noch Djamila, eine Intellektuelle aus Frankreich mit Wurzeln in Ägypten, die durch ihre Twitter- und Blogbeiträge zu den historischen Ereignissen auf dem Tahrirplatz bekannt wurde, die das Bild einer friedlichen Revolution zeichnen. Als sie aber von der Vergewaltigung einer amerikanischen Journalistin vor Ort erfährt, fühlt sie sich schuldig angesichts ihrer falschen Beurteilung der Lage. Sie veröffentlicht als Akt des Selbsthasses ein Video, das sie beim Geschlechtsverkehr mit einem ägyptischen Journalisten zeigt und sie berühmt macht.

Der verhängte Kubus entblättert sich im Laufe der Inszenierung von innen. Es offenbart sich ein herrlich edles, weißes und schillerndes „Bed-In“ à la John Lennon und Yoko Ono. Lobbes vollzieht hier einen interessanten Brückenschlag ins Jahr 1969 zum Ideal Lennons, der in seinem Song „Imagine“ von einer Welt träumt, in der alles geteilt wird und den David und seine Frau Ell auf heutige Weise teilen. Besitz zu teilen bedeutet heute allerdings, Informationen zu teilen: vom geposteten Mittagessen bis zum Beziehungsstatus. Die Folgen sind uns oft nicht bewusst. Aus dem transparenten, schönen Haus, der digitalen Fassade treten die Protagonisten am Ende ins grelle Tageslicht und erscheinen jämmerlich, obwohl sie doch nur Gutes tun wollten. Anstrengend sind die intellektuellen Wortbombardements, die einem um die Ohren fliegen und von denen wenig bleibt. Auch die Erzählstruktur ist undurchsichtig. Am Ende bleibt ein Eindruck von Unausgegorenheit und Ratlosigkeit. Experimente können scheitern. Sie haben das Recht dazu.

Weitere Vorstellungen im Deutschen Theater, Theaterplatz 11, am 12. und 21. März sowie am 2., 14. und 19. April um 20 Uhr im DT-2 (Studio); Kartentelefon 0551 / 496911

Von Marie Varela

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