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Inszenierte Lager-Installation „Friedland“ in der Saline Luisenhall in Grone

DT-Premiere Inszenierte Lager-Installation „Friedland“ in der Saline Luisenhall in Grone

Eigentlich gibt es keine Zuschauer bei der Inszenierung „Friedland“, die am Mittwoch, 20. Mai, in der Saline Luisenhall in Grone Premiere hatte. Denn die Besucher der Vorstellung sind Teil der Vorstellung. Julia Roesler hat bei diesem Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Theaters Göttingen und der „Werkgruppe 2“ Regie geführt.

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Düsteres Lagerleben: Insa Rudolph, Andreas Jeßing und Ulf Nolte (von links).

Quelle: Wienarsch

Der bürokratische Spießrutenlauf beginnt gleich hinter der Theaterkasse: Jeder Besucher bekommt eine Nummer zugewiesen, am Ende der Schlange wartet die Registrierung. Die Neuankömmlinge werden aufgeteilt und rennen bald von einer Station zur nächsten, von der Registrierung zur ärztlichen Untersuchung, von der Kleiderkammer zum Gottesdienst. Plötzlich wird es dunkel, ein Lichtkegel fällt auf den Amtsarzt, der mit einem russischen Einwanderer um seine Medizin streitet: „Wir sind hier doch nicht in Russland.“

Schlaglichtartig ereignen sich die einzelnen Episoden inmitten des Publikums, zwischen Schreibtischen, Verwaltungsapparaturen und Wartebereichen. Es gibt hier keine Zuschauer, nur Statisten, keine Bühne, nur eine eindrucksvoll in der Groner Saline Luisenhall errichtete Lagerszenerie. Ort des Geschehens ist Friedland, jenes Grenzdurchgangslager, das seit 1945 mehr als vier Millionen Menschen aufgenommen hat. Damals waren es Kriegsheimkehrer oder Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Heute sind es russische Spätaussiedler oder Flüchtlinge aus Albanien, Chile, dem Irak.

„Als ich hier ankam, war ich wie eine Außerirdische“, klagt eine Lagerbewohnerin. Im Schlafsaal zeigt sich das Lager von einer anderen Seite, als Ort der Begegnung: Menschen mit den heterogensten Erfahrungen erzählen einander ihre Lebensgeschichten. Das Publikum sitzt auf Hochbetten, auf durchgelegenen Matratzen, während die Schauspieler des DT-Ensembles und der Werkgruppe 2 mit körperlicher und dialektaler Akrobatik glänzen.

Dramaturgin Silke Merzhäuser und Regisseurin Julia Roesler haben ein Jahr lang recherchiert, sich selber in Friedland aufnehmen lassen und Gespräche mit Zeitzeugen geführt. Aus diesen Interviews entstanden die Monologe, verdichtet und fiktionalisiert. Sie wollten kein authentisches Bild von Flucht, Vertreibung oder Lageralltag zeichnen. Im Gegenteil: Wenn eine vor der Roten Armee fliehende Deutsche die Hilfe durch Juden damit rechtfertigt, dass diese ja das Geld dazu gehabt hätten, so wird Geschichtsvermittlung durch Zeitzeugenberichte zugleich kritisch reflektiert. Radikal subjektiv reihen sich die Geschichten aneinander, als multiperspektivische, keiner Chronologie und erst recht keiner „Wahrheit“ verpflichteten Collage.

Hohle Parolen

Schließlich mündet die Inszenierung in einem großen Haufen Muttererde, Schmalzstullen und den hohlen Parolen eines Integrationsbeauftragten. Mit dick aufgetragener Ironie bekommen all jene Versuche ihr Fett weg, einen Ort wie Friedland politisch und ideologisch zu instrumentalisieren. Spätestens als ein rechtsradikaler Liedermacher das schöne Schlesien besingt, sollte diese Intention allen deutlich geworden sein. Auch den älteren Damen, die dazu gemütlich schunkeln.

Weitere Vorstellungen: 9. bis 13. Juni, 15. und 17. Juli sowie vom 14. bis zum 23. August um 20 Uhr, am 13. Juni auch um 16 Uhr.

Von Christian Volmari

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