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Auf volles Risiko

Internationale Orgeltage Auf volles Risiko

Der Organist Pierre Pincemaille war auf alles gefasst: Als der französische Musiker am Freitag nach Göttingen kam, wusste er noch nicht, was er am Abend spielen würde. Bei seinem Konzert in St. Jacobi für die Internationalen Orgeltage bestimmte das Publikum die Auswahl der Stücke.

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Göttingen. Doch genau diese Herausforderung braucht dieser Organist: Schließlich ist er einer der bedeutendsten Orgel-Improvisatoren Europas. Spielregeln des Abends: Das Publikum schlägt Choräle, populäre Stücke und Gregorianische Gesänge vor, Pincemaille wählt aus und improvisiert über die Themen. Dabei spielt er ohne Netz und auf volles Risiko: Sein Spiel wird per Kamera auf eine Leinwand im Altarraum übertragen - die Zuhörer sehen jede Bewegung.

Der Organist beginnt über einen Choral wie "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig" im barocken Stil von Johann Sebastian Bach zu improvisieren und wechselt dabei ständig die Form: Er spielt die Melodie als Choral zu vier Stimmen, als Ricercare zu fünf Stimmen oder als Trio. Mal glänzen die Melodien mit starker Solostimme, mal durch kräftige Akkorde oder hingetupfte Bassläufe.

Als populäres Stück wählt Pincemaille das religiöse Lied "Simple Gifts" des Amerikaners Joseph Brackett (1797-1882). Es wird zum Höhepunkt des Abends, weil der Organist hier ganz frei gestaltet: Er schichtet Klänge übereinander, rhythmisiert sie, wechselt von kontemplativen zu aufwühlend dramatischen Stimmungen, um immer mehr in die Sphären abstrakter Strukturen zu gelangen. Abschließend verwandelt der Musiker zwei gregorianische Hymnen zu einer viersätzigen Symphonie. Die schlichten Melodien vergrößert er auf der Ott-Orgel zu spannungsgeladenen vielschichtigen Klang-Architekturen. 

Laut applaudierend bedankt sich das Publikum bei Pierre Pincemaille für seine kreativen Schöpfungen. Doch ganz nebenbei leistete der Improvisations-Meister noch etwas anderes: Er überführte die alten Melodien in die experimentellen Klänge der Moderne.

Von Udo Hinz

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