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„Ich bin bekennender Melancholiker“

Interview mit Clueso „Ich bin bekennender Melancholiker“

Im Tageblatt spricht Clueso über seinen Neuanfang, die Bedeutung von Melancholie für die Musik und seine Pläne für die Zukunft. Am Donnerstag, 14. September, eröffnet er das NDR 2 Soundcheck Festival.

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Clueso tritt am Donnerstag, 14. September, um 19 Uhr in der Göttinger Stadthalle auf.

Quelle: dpa

Göttingen.
Es ist jetzt fast ein Jahr her, dass Sie sich von Ihrer Band, dem Label und der WG getrennt haben und einen „Neuanfang“ mit dem gleichnamigen Album gewagt haben. Wie ist Ihnen der Neuanfang gelungen?

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mich gerade so fühle wie ich es im Song „Neuanfang“ beschrieben habe, bei dem ich mich ja ein bisschen nach vorne geträumt habe. Alle Entscheidungen, die ich vorher getroffen habe, konnte ich besser begründen – weil die immer über Sehnsucht und Lust gingen und weil ich Bock auf irgendwas hatte und hier hatte ich gar keine neue Idee, deswegen war es eine sehr schwierige Phase. Aber ich wollte, dass die Songs die ich schreibe, mir selbst Kraft geben und ich nicht in der Vergangenheit lande, sondern in der Zukunft. Jetzt geht’s mir eigentlich so, wie ich es im Song beschreibe – dass es immer noch wacklig ist, aber sich sehr gut anfühlt.

Ist mittlerweile eine neue Idee entstanden, wie es weitergeht?

In erster Linie habe ich ein neues zu Hause und Leute, die alle unabhängig sind, was mir eine große Freiheit gibt. Und ich habe trotzdem Lust, weitere Touren zu fahren, zum Beispiel mit der Band und auch als Team mit dem neuen Management. Jeder weiß, dass es sein kann, dass ich was eigenes mache oder was anderes, und hat seine Schwerpunkte für andere Künstler oder die Kollegen spielen selbst noch in anderen Bands. Aber es ist eine neue Familie entstanden. Wir nennen das inzwischen schon „Tourlaub“, wenn wir unterwegs sind, weil es komplett Spaß macht gerade.

Zur Person: Clueso

Clueso heißt mit bürgerlichem Namen Thomas Hübner und ist bereits seit etlichen Jahren im Musikgeschäft: Das neueste Album des 37-Jährigen heißt „Neuanfang“ (2016). Es ist bereits sein siebtes Album, der Erfurter konnte schon zahlreiche Auszeichnungen entgegennehmen – unter anderem mehrfach die 1 Live Krone für den besten Künstler. Vor der Produktion von „Neuanfang“ hat Clueso sich von seiner Band, die ihn bereits jahrelang begleitete, sowie von seinem Label getrennt.

Der letzte Song auf Ihrem neuen Album heißt ja auch „Sorgenfrei“. Fühlen Sie sich dann jetzt sorgenfrei?

Ich kenne eigentlich kaum jemanden in meinem Alter, der komplett sorgenfrei ist. Der hat nicht alle Tassen im Schrank (lacht). In dem Song geht es ja um eine Leichtigkeit, die ich dann in dem Moment erfahre – in dem Fall war ich auf einer Insel. Ich kann diese freien Momente, die ich habe, für mich sehr gut genießen. Das kommt natürlich auch dadurch, dass ich unabhängig bin, viel allein auch unterwegs bin. Da fühlt man eine Unbeschwertheit, die schon fast einer Sorgenfreiheit gleicht, wenn man das so will. Es hängen nicht so viele Leute dran und ich muss nicht überlegen, wie ich irgendwie groß Lösungen nach Hause bringe, sondern nur für mich überlegen, wie ich drauf klarkomme, wenn ich Fehler mache.

Also macht die Unabhängigkeit sorgenfreier?

Genau, durch die Unabhängigkeit habe ich weniger Sorge. Es nicht mehr so, dass man mit der Familie ins Fantasialand fährt oder in den Europapark und der eine will Achterbahn fahren und der andere will das machen und man will nur einen guten Ausflug haben, aber man kann es nie allen recht machen. Jetzt sitze ich allein in der Karre – und höre laut Musik.

Ein bisschen haben Sie sich ja musikalisch auch von Ihrer Heimatstadt Erfurt getrennt oder?

Ich wohne noch in Erfurt. Es gibt den Zughafen noch, das war ja mein zu Hause, da bin ich auch noch sehr oft, aber ich hab da kein Zimmerchen mehr, kein Büro. Mein Management ist jetzt in Berlin, deswegen denken immer viele, dass ich in Berlin wohne. Aber ich wohne immer noch in meiner süßen Heimatstadt Dagoberthausen (lacht), Erfurt.

Was bedeutet Ihnen denn Heimat?

Das ist so ein Begriff, den ich aus irgendwelchen altdeutschen Filmen kenne, mit irgendwelchen Heimatsongs. Was sich aber ein bisschen gewandelt hat, weil ich finde, man kann viele „zu Hause“ haben. Gerade als Musiker, wenn man in der Welt unterwegs ist. Ich habe jetzt ein Video gedreht in L.A., hab Leute kennengelernt und habe Freunde von zu Hause in L.A., die sagen: „Du kannst jederzeit kommen, du kannst jederzeit bei uns wohnen“. Aber die Heimat ist das nicht. Die Heimat ist halt einfach da, wo ich aufgewachsen bin und wo natürlich auch mein Herz schlägt. Da wo mein Dom steht, in Erfurt.

Was sich ja auf dem neuen Album nicht geändert hat, sind die oft nachdenklichen, melancholischen Texte. Sind Sie im „echten Leben“ auch so ein melancholischer Typ?

Puh, ja und nein. Ich bin bekennender Melancholiker. Das Leben ist halt nicht nur lustig und ich find’s auch schön, wenn man sich da reinfallen lässt und das genießt, weil einem das auch Schwung geben kann. Das kommt natürlich bei Musik viel mehr raus. Ich höre auch solche Musik einfach gerne. Wenn ich Akkorde anspiele, dann mag ich es, wenn die Nachdenklichkeit haben und Tiefe. Aber ich bin jetzt nicht jeden Tag so, ich bin sonst eher lustig. Wir haben einen sehr, sehr dummen Humor, fast schon so’n Harald-Schmidt-Humor, der manchmal so blöd ist, dass Leute auch gar nicht lachen können. Ich mag aber lieber Songs, die man in 20 Jahren noch anmacht und das Gefühl hat, „oh das ist ein guter Song“ und nicht ein aktueller Gag.

Apropos Melancholie: Nächste Woche eröffnen Sie als „alter Hase“ im Musikgeschäft das NDR2 Soundcheck Festival für Nachwuchsmusiker in Göttingen. Wie fühlt sich das an?

Es fühlt sich für mich ganz toll an, ich fühle mich ja selbst nicht als alter Hase, aber ich bin schon eine Weile dabei und das ist eine Ehrensache, und man kann wirklich Leuten, wenn Sie interessiert sind, Tipps geben und Austausch haben und gleichzeitig auch von dieser jungen Energie ein bisschen was abzwacken. Ich finde sowas immer ganz geil. Und kann mich sehr gut daran erinnern, als wir Konzerte gespielt haben und ganz wenige Leute da waren und man den Spagat hinbekommen musste zwischen „Wir spielen jetzt nicht überall und machen uns zum Narren“ und gleichzeitig musst du alles annehmen, was irgendwie geht.

Wünschen Sie sich manchmal in die Zeit zurück, als Sie mit der Musik angefangen haben?

Ich wünsche mich jetzt nicht in die Zeit zurück, weil es echt harte Kämpfe waren, Überlebenskämpfe, und ich musste vielen Leuten Mut machen, die mir gefolgt sind und sagen „Das wird einmal“. Aber was ich mag, ist diese Goldgräberstimmung, die man am Anfang hat. Man weiß nicht, wie sich Dinge entwickeln und in welche Richtung es geht. Es ist viel, viel Licht am Ende. Das fetzt schon. Ich habe das manchmal, wenn ich neue Sachen ausprobiere, so ein Anfängerglück. Das möchte man als Musiker gern konservieren.

Würden Sie denn etwas anders machen, wenn Sie wieder am Anfang stehen würden?

Ja klar, weil es jetzt eine ganz andere Zeit ist (lacht). Die CD wird keine Renaissance erleben, man kann viel mehr im Internet machen, man bringt Musik ganz anders heraus, macht anders auf sich aufmerksam. Ich würde erstmal von den Umständen her Dinge anders machen, aber ich würde die gleichen Fehler machen, in die gleichen Fallen tappen. Wenn ich das Wissen hätte, würde ich natürlich Sachen umschiffen, ist ja klar.

Wenn wir jetzt mal die Zeitreise in die andere Richtung machen: Wo sehen Sie sich denn in zehn Jahren?

Das ist eine gute Frage, so weit schaue ich irgendwie gar nicht und fühle es auch nicht, dass ich das brauche. Ich habe meine Jahres- und meine Halbjahresträume, die mich immer wieder voranbringen, und jetzt möchte ich gern mit der Band mal was aufnehmen und ich möchte meine Festplatten mal so sortieren, dass ich auch ein paar Sachen loswerde, die ich produziert habe und schauen, dass ich Projekte finde. Ich fühle mich in Erfurt sehr angekommen, ich hab’ ne schöne Bude und möchte natürlich, dass ich ein junges Publikum für mich weiter erspielen kann und die Alten gern mitnehme. Das wäre natürlich ein Traum.

Wie wollen Sie denn das junge Publikum erspielen?

(lacht) Gute Frage. Keine Ahnung. Einfach schauen, dass man einen Sound findet, in dem man nicht irgendwelche Themen wählt, die man gar nicht mehr lebt, das finde ich Quatsch. Ich finde mit Würde altern superschön – das was Madonna nie gelungen ist und Johnny Cash sehr gut hinbekommen hat. Ich möchte Inhalte anbieten, aber eben schon experimentelle Sachen und ein bisschen was ausleben. Ich komme zum Beispiel aus dem Hip-Hop und Rap, vielleicht mache ich in der Richtung ein bisschen was mit anderen Musikern. Das überrascht manche jungen Leute. Die sagen dann: „Was, der Clueso rappt auch?“ Was für mich total normal ist, weil ich ja da aufgewachsen bin in der Szene.

Wenn Sie sich jetzt entscheiden müssten: Ihr Leben lang professionell Musik machen oder nie wieder auf einer Bühne stehen. Was wählen Sie?

Mit Verlaub: Ich verstehe nicht, warum jemand wählen sollte, nie wieder auf der Bühne zu stehen, wenn er das machen kann, was ihm Spaß macht. Es ist ganz klar, ich möchte ein Leben lang Musik machen. Ich weiß jetzt, was Sie meinen, ob ich noch mal irgendwas anderes machen könnte. Ich finde angerissene Biografien immer sehr gut und sehr förderlich und mag Ausbrüche aus dem normalen Leben. Aber wenn es jetzt nur die Wahl gäbe, würde ich doch Tor zwei nehmen und ein Leben lang Musik machen anstatt nie wieder auf der Bühne zu stehen. Zumal ich auch sehr, sehr gern Live-Musik mache.

Also ist es Ihr Plan, ein Leben lang als Musiker zu arbeiten?

Ich bin sehr freakig und kann wahnsinnig gut hyperfokussieren. Ich kann mich wenig auf Dinge im Leben konzentrieren, aber wenn mir was gefällt, kann ich hyperfokussieren und kann mir dadurch auch vorstellen, dass mal irgendwas kommt, wo plötzlich alle sagen, sag mal spinnst du? Warum machst du das? Aber ich werde nie das Cello in den Keller stellen.

Also wird gerade die Musik hyperfokussiert?

Ja, die Gitarre wird immer irgendwo in der Nähe sein. Selbst wenn ich mit der großen Bühne aufhören sollte, wird die Musik mich immer begleiten.

Von Hannah Scheiwe

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