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Interview mit dem Geiger Adam Bałdych

39. Göttinger Jazzfestival Interview mit dem Geiger Adam Bałdych

Polen brachte und bringt wunderbare Jazzviolinisten hervor. Der Geiger Adam Bałdych vertritt die junge Generation. Sein offener Crossover-Stil auf der Violine verbindet Jazz, Klassik, Folk und Pop und begeistert weltweit. Der 30-Jährige gastiert zusammen mit dem Helge Lien Trio auf dem 39. Göttinger Jazzfestival am Freitag, 11. November. Ein Gespräch mit dem ECHO Jazz-Preisträger über seine polnische Wurzeln, die vielen Klänge der Violine und darüber was er in New York vermisste.

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Adam Bałdych

Quelle: r

Göttingen. Tageblatt: Ihre Musik ist so herrlich lyrisch und romantisch. Sind sie ein Romantiker?

Bałdych: (lacht) Ich denke schon. Romantik ist in meinem Blut und tief in meinem Herzen. Es ist auch ein Teil von uns Polen. Ich komme aus einer Region mit wunderbarer Volksmusik und sehr schönen Melodien. Als ich mich als junger Mensch selbst finden wollte, kamen diese Melodien von selber aus mir heraus. Das habe ich  zugelassen und weiterentwickelt zu meinem Stil.

Begannen Sie als Kind mit Klassik oder Jazz?

Ich komme aus der mittelgroßen Stadt Gorzów Wielkopolski nahe der Grenze zu Deutschland.  Ich begann mit neun Jahren klassische Musik zu lernen. Mit 13 Jahren wechselte ich dann zum Jazz. Der Grund dafür: Als ich elf Jahre alt war, kamen Jazzmusiker in meine Schule und zeigten uns Schülern ihre Musik – da verliebte ich mich in den Jazz.

Termin

Adam Bałdych gastiert mit dem Helge Lien Trio am Freitag, den 11. November 2016 auf dem Göttinger Jazzfestival im Deutschen Theater. Am 11./12. November 2016 stehen weiterhin auf der großen Bühne: Oregon, Ed Motta, Christian Scott, das David Helbock Trio und das Omer Avital Quintet. Das Festival endet am Sonntag, 13. November 2016 in der musa mit der „Phunkguerilla“. Vorverkauf u.a. beim Deutschen Theater, Theaterplatz 11, theaterkasse@dt-goettingen.de und in der GT-Geschäftsstelle, Weender Straße 44, Göttingen. Mehr Informationen: www.jazzfestival-goettingen.de

War es schwer, plötzlich improvisieren zu müssen?

Nein. Denn schon auf der Musikschule improvisierte ich im Unterricht bei Kompositionen wie beispielsweise von Bach – nämlich dann, wenn ich etwas von der Komposition vergessen hatte. Zuhause improvisierte ich gemeinsam mit meinen Geschwistern, die auch Musik spielten. Irgendwie war die Improvisation natürlich für mich.

Sie spielen Violine. Was ist das Besondere an diesem Instrument?

Die Violine hat eine große Bandbreite an Klängen, ist sehr dynamisch und ähnlich dem Gesang. Das Instrument ist so natürlich! Als ich anfing Violine zu spiele, fühlte ich sie als ein Teil meines Körpers. So konnte ich die Ideen aus meinem Kopf direkt auf das Instrument übertragen.

Sie spielen auf der Violine auch mehrere Saiten gleichzeitig und schaffen Harmonien.

Genau! Ich habe meine Spieltechniken ausgeweitet. Ich spielte mit Gitarristen, hörte deren Arpeggios und Akkorde und das wollte auch auf meiner Violine Melodie und Harmonie gleichzeitig spielen. Ich begann deshalb pizzicato die Saiten zu zupfen und komponierte Stücke dafür. So bekam ich meine eigene Musiksprache. Auch in der zeitgenössischen E-Musik findet man so viele interessante Klänge für die Violine. Diese Welt der Klänge habe ich in den Jazz gebracht.

Mit Michał Urbaniak und Zbigniew Seifert kommen ja große Jazzviolinisten aus Polen. Sind Sie von denen beeinflusst?

Ja, die beiden Musiker waren Idole für mich, denen ich folgen konnte. Aber in Polen ist die Violine grundsätzlich sehr verbreitet und hat auch eine große Tradition in der polnischen klassischen Musik.

Sie geben in ihrem Spiel den Tönen so viel Raum. Warum?

Wir haben heutzutage eine sehr laute Welt. Ich wollte eine Musik schaffen, die im Gegensatz dazu steht. Ich wollte etwas Wichtiges sagen, aber in einer anderen Art. Die Zuhörer sollen stoppen für einen Moment und sich mit der Stille wohlfühlen.

Werden die Töne bedeutender, wenn sie von Stille umgeben sind?

Das ist richtig, gerade, wenn man Details eines Klanges zeigen möchte. Dafür braucht man Zeit und Raum. Genau zwischen Ton und Stille passieren wichtige Dinge.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Helge Lien und seinem Trio?

Mit diesen Musikern kann ich genau dies sensible Spiel auf der Bühne und dem Studio realisieren. Das Projekt hat dadurch seine eigene Stimme. Es war für mich zudem interessant, wie meine Stimme in einer bereits existierenden Band mit einem eigenen Sound klingt. Wir inspirieren uns gegenseitig.

In ihrer Musik hört man Ihre Liebe zur Folkmusik.

Als sehr junger Mensch spielte ich in einer polnischen Folkband. Es war eine Chance etwas anderes als klassische Musik zu spielen, Freunde zu treffen und Spaß zu haben. Dadurch habe ich gelernt wie reichhaltig unsere Volksmusik ist. Als ich später in New York war, vermisste ich meine Kultur und ich hörte die Stimme dieser Volksmusik in meinem Kopf. So begann ich Jazz und Folk zu verbinden.

Ihre CD hat den Namen „Bridges“. Um welche Brücken geht es?

Es sind die Brücken zwischen der polnischen und norwegischen Kultur. Eine andere Brücke schlage ich zwischen den Generationen. Denn heute gibt es so viel unterschiedliche Musik, und ich möchte nicht nur einem Pfad folgen. Ich möchte in meine Musik alles bringen, was mich umgibt: Klassik, Folk aber auch Popmusik, die heutzutage so großartig ist.

Interview: Udo Hinz

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