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Israelischer Pianist Boris Giltburg zu Gast in Göttingen

Eisernere Disziplin Israelischer Pianist Boris Giltburg zu Gast in Göttingen

Aufbruch, Kraft, Selbstbewusstsein, unbegrenzte Horizonte: Mit Anfang 20 dürfte sich jeder Mensch wohl am stärksten fühlen. Das stellt sich auch in der Musik dar, die der phänomenale israelische Pianist Boris Giltburg am Sonntag im Aulakonzert der Göttinger Kammermusikgesellschaft vorgeführt hat.

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Ohne jede Spur von Anstrengung: der Pianist Boris Giltburg.

Quelle: Heller

Göttingen. Seinen Klavierabend begann er mit der f-Moll-Sonate des 20-jährigen Johannes Brahms, gefolgt von den Moments musicaux op. 16 von Sergej Rachmaninow, die der russische Komponist als 23-Jähriger komponierte. Das fulminante Finale war Sergej Prokofjews zweite Klaviersonate d-Moll aus dem Jahr 1912. Damals war Prokofjew 21 Jahre alt.

Alle drei Komponisten waren auch exzellente Pianisten. Das merkt man dem hochvirtuosen Anspruch an, den sie an den Interpreten stellen. Und sie wagen auch, jeder auf seine Weise, Neues, Unerhörtes, sie eröffnen „neue Bahnen“, wie Robert Schumann seinen Aufsatz über den jungen Brahms 1853 betitelte.

Diese Ansprüche erfüllte Giltburg spielend – ohne jede Spur von Anstrengung, mit einem enormen virtuosen Rüstzeug, mit einer unglaublich differenzierten Anschlagskultur. Er kann seine Fingerkräfte so stark fokussieren, dass Fortissimo-Töne wie aus Stahl gemeißelt sind, er kann sie aber auch so federleicht einsetzen, dass der Anschlag wie eine zärtliche Liebkosung der Tasten erscheint. Den stählernen Klang führte er beispielsweise im Finale der Prokofjew-Sonate vor: Das hatte rasiermesserscharfe Konturen, sprühte Funken, tobte rasend in eiserner Disziplin.

Dagegen gab es schier unendliche Zärtlichkeit etwa im zweiten Satz der Brahms-Sonate, in dem sich, wie es im Motto-Gedicht heißt, zwei Herzen „selig umfangen“ halten. Das muss so klingen, wie es Giltburg spielt, ein sanftes Streicheln, ein stiller Moment höchsten Glücks, der sich dem Wort verweigert.

Eine dritte Facette der pianistischen Kunst Giltburgs sei noch beschrieben: der luxuriöse Klangrausch, den Rachmaninow in seinen Moments musicaux entfaltet, eine Welt des musikalischen Überflusses, glitzernd, mächtig strömend, in hohen Wellen gischtend – aber nie triumphierend, sondern stets vom Unterton einer sich niemals erfüllenden Sehnsucht bestimmt. Die äußert sich im unentwegten Kreisen um wiederkehrende Motive, so als wolle der Komponist den Augenblick festhalten, der ihm dann doch wieder entgleiten muss.

Die Begeisterung der Zuhörer in der gut gefüllten Universitätsaula brach sich in Beifall und Trampeln Bahn. Giltburg setzte mit seiner Zugabe einen sanften Schlusspunkt: Robert Schumanns duftige Arabeske. Zum Dahinschmelzen schön.

Von Michael Schäfer

Im 5. Aulakonzert am Sonntag, 29. März, spielt das Arc-Ensemble Toronto das Klavierquintett von Mieczysław Weinberg und das Streichsextett von Adolf Busch.

Beginn ist um 19.45 Uhr in der Aula der Universität. Karten gibt es unter anderem beim Tageblatt-Ticketservice, Jüdenstraße 13c.

 
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