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Israels Biennale-Star Tsipi Geva stellt im Mönchehaus-Museum aus

Ein Coup für Goslar Israels Biennale-Star Tsipi Geva stellt im Mönchehaus-Museum aus

Leicht hebt sich das Palästinensertuch und lüftet den Blick auf nackte Haut. Minimalistisch markieren darauf nur ein Kreis und ein Punkt die weibliche Brust. Mit wenigen Strichen sind daneben die Konturen eines Vogels umrissen, von dem schwarze Farbe über Schulter und Schenkel des Frauentorsos rinnt.

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Abgeschottet mit mehr als Reifen: der israelische Biennale-Pavillion, gestaltet von Tsipi Geva.

Quelle: dpa

Goslar. Viel figürlicher wird es nicht auf dieser sonst vorwiegend mit wildem Action-Painting, einem fast gewalttätig wirkenden Farbeinsatz traktierten Leinwand – wie auf allen Bildern, die jetzt von Tsipi Geva im Goslarer Mönchehausmuseum zu sehen sind. „Da steht der Konflikt im Zentrum“, sagt der israelische Künstler zu diesem Bild. „Da geht es um Diskriminierung und Missbrauch, wie sie beide auch bei sexueller Gewalt vorkommen, nur geht es hier nicht um sexuelle, sondern um politische Pornografie.“

Wenn ein Israeli von „dem“ Konflikt spricht, meint er den zwischen Israelis und Palästinensern. Politisch positioniert sich Geva ganz klar („Ich bin in der Opposition gegen Israels Politik“), künstlerisch werfen seine Bilder statt simpler Antworten komplexe Fragen auf: Etwa wer da eine auf sexuelle Grundmuster reduzierte Frau zur Gesichtslosigkeit verdammt. Ist es die Last der palästinensischen Tradition? Oder die Ignoranz Israels? Und was ist das da für ein komischer, das Ganze beobachtender Vogel?

Vielleicht ist es Geva selbst, der 1951 im Kibbuz Ein Shemer im Norden Israels geborene und seit Langem für seine Bilder von Vögeln bekannte Künstler. Die hält er – stets umrisshaft, meist aus dem Bild schauend und nie fliegend – auf Leinwänden, Styropor-Platten, neuen Ikea-Fronten oder alten Fenstern als stumme Beobachter fest. Und er ist damit zum auch international anerkannten Künstler geworden.

In Italien ist er seit Kurzem auch ein Star der Biennale Venedig, bei der er den Pavillon seines Heimatlandes mit einer ebenso spektakulären wie beklemmenden Installation versehen hat: Mehr als tausend Autoreifen, die ihr Profil auf Israels Straßen gelassen haben, hat er mit Stahlseilen an die Pavillonfassade gebunden. „Reifen sind uns als Protestmittel wohlvertraut“, sagt er. „Denn die zünden Palästinenser zu Demonstrationszwecken gern an.“

Und jetzt also Goslar. Mit dieser Ausstellung ist Bettina Ruhrberg, der Direktorin des Mönchehausmuseums, ein Coup gelungen. Kuratiert hat sie die Schau gemeinsam mit dem US-Kunstkritiker Barry Schwabsky, zu sehen war sie in Washington und Rom, bevor sie nach Goslar gekommen ist.

Dabei zeigen die 40 vorwiegend abstrakten Gemälde nur einen Aspekt im Schaffen dieses Künstlers. Sehr „polyphon“, vielstimmig also, sei sein Schaffen, sagt Geva. „Ich habe mit Ready-Mades und Malerei, Objektkunst und Skulpturen gearbeitet.“

Enge Raum- und Grenzerfahrungen macht jeder in Israel. Auch Geva hat sie von Kindesbeinen an gesammelt. „Von unserem Kibbutz aus war es nicht weit zur Grenze, die war aber vor 1967 noch nicht klar markiert – und ich hatte immer Panik, schon auf palästinensisches Gebiet gelangt zu sein.“

Angst vor Gewalt, bekennt er, ist ein starker Motor seiner künstlerischen Tätigkeit. Und vielleicht soll seine gestische Malerei ja die Gewalt auf die Leinwand bannen. „Ich bin kein Dokumentarist, ich bilde nicht die Realität ab, sondern Visionen davon, meine Ängste.“ Nur Ängste und nicht Hoffnungen? Geva hat wenig Hoffnung, weder für die Identität von Palästinensern und Israelis noch für die Menschheit schlechthin. Er sieht sich auch eher als existenzialistischen denn als politischen Künstler.

Er hält wenig von ethnischen oder religiösen Identitäten. Und überhaupt nichts von nationaler Erbaungskunst. „Ich will mich nicht in einen nationale Nische stellen, ich habe viele Wurzeln“, sagt er und fügt hinzu: „Wie könnte ich Repräsentationskunst machen – ich weiß noch nicht mal, ob ich mich selbst repräsentiere.“

Von Daniel Alexander Schacht

„Tsipi Geva – Gemälde 2010-2015“. Bis 20. September im Mönchehausmuseum Goslar, Mönchestraße 3.

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