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Jan Jahn mit „Kein schöner Land?“ im Apex

Mitsingen und auf die Regeln pfeifen Jan Jahn mit „Kein schöner Land?“ im Apex

Als traumatisiertes Erziehungsprodukt der 68er hat sich Jan Jahn am Sonnabend im Apex daran gewagt, Kabarett mit positiver Grundaussage auf die Bühne zu bringen. Schließlich kenne er sich seit seiner Kindheit mit der Außenseiterrolle aus, und könne auch mal auf die Regeln pfeifen. Das Motto dazu lautete: „Kein schöner Land?“

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Ein Bühnentier aus Berlin:  Kabarettist Jan Jahn.

Quelle: Heller

Göttingen. Wer bereit ist, die Regeln zu brechen, der kann den Abend auch mit dem Musikantenstadl eröffnen und als Roger Whittaker-Parodie „Kein schöner Land“ schmettern. Schwungvoll und augenzwinkernd hat der gebürtige Berliner schon bald die Lacher auf seiner Seite. Und das ist gut so. Schließlich lädt der Musikkabarettist das Publikum ein ums andere Mal zum Mitsingen und Mitklatschen ein.

Vermaiste Landschaften, Demokratieverdrossenheit, alltägliche Unfreundlichkeiten und Neid, Lärmbelastung und soziale Unterschiede: Jan Jahn hat einiges an kritikwürdigen Themen parat. Aber pazifistisch wie er erzogen sei, habe er „gar keine Feindbilder“. Mehr noch: „Ich finde dieses Land gar nicht so schlecht.“ Eigentlich ein guter Ansatz, die Sache mal quer zum üblichen Kabarett-Konsens anzugehen. Aber Jahn begibt sich damit auch auf einen schmalen Grat. Mitunter etwas irrlichternd zwischen dem Für und Wider unterwegs, bleibt letztlich unklar, wo er sich denn nun genau positioniert.

Mit seiner Musik ist der 45-Jährige auf sicherem Terrain. Aufnahmen in Live-Loop-Technik, die er jeweils als Rhythmen aufnimmt und in Dauerschleifen einspielt, ersetzen eine Begleitband, wenn er zu Gitarre und Klavier singt. Die Stilrichtungen reichen von Singer/Songwriter über Pop bis Hardrock und Rap. Die Arrangements der Lieder sind vielfältig und gehen häufig richtig ins Ohr.

Mit Verkleidungen, Text- und Bildtafeln, Seifenblasen und Parodien sorgt Jahn für reichlich Abwechslung. Allerdings: Laut und überdreht geht er insgesamt mit zu viel Dampf an die Sache. Menschlich authentisch, wirkt er in seinem Überschwang darstellerisch nicht wirklich überzeugend und souverän. Und das Timing seiner Textbeiträge und Pointen ist auch nicht immer stimmig. Jahn ist mit viel Herzblut dabei. Aber weniger wäre mehr. Denn gerade in den ruhigen Passagen liegen die stärksten Momente des Abends.

Bei aller Kritik, was von diesem Abend bleibt, ist etwas ganz anderes. Der Musiker und gelernte Zimmermann gibt sich als richtiges Bühnentier und erarbeitet sich den Zuspruch des Publikums regelrecht. Sympathisch und ständig mit den Zuschauern in Kontakt steigt bei all dem Mitsingen, Mitklatschen und Ablachen die Stimmung zusehends. Angesichts des kaum zur Hälfte gefüllten Saales eine beachtliche Leistung. Ein vergnüglicher Abend.

Von Karola Hoffmann

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