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Liebe im Schatten der Vergangenheit

Jana Hensel beim Literaturherbst Liebe im Schatten der Vergangenheit

Jana Hensel erzählt in ihrem ersten Roman „Keinland“ von einer großen Liebe. Es gelingt der Autorin von „Zonenkinder“ dabei, die geerbten und erlebten Traumata der ehemals Liebenden darzustellen. Die Autorin kommt am Montag, 16. Oktober, zur Lesung nach Göttingen ins Alte Rathaus.

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Die in Leipzig geborene Autorin Jana Hensel hat einen Roman über die Zeit nach der Wende geschrieben.

Quelle: dpa

Berlin/ Göttingen. Die Nachwendejahre kommen ihr manchmal wie „Albtraumjahre“ vor, an die sie nicht gerne erinnert werde, schrieb die 1976 in Leipzig geborene Journalistin und Autorin Jana Hensel in ihren Erinnerungen an Helmut Kohl im Juni 2017 in der „Zeit“. Indessen lässt sie ihre Romanfigur Nadja, eine ebenfalls aus der DDR stammende Journalistin Mitte 30, gerade diese Jahre in ihrem literarischen Debüt „Keinland“ wieder und wieder thematisieren: „Diese ersten Jahre danach, als nichts mehr war wie zuvor, ich werde sie nicht los, alles löschte sich auf.“

Ein Erinnerungsbuch

Wie Hensels kontrovers aufgenommener Bestseller „Zonenkinder“ ist auch „Keinland“ ein Erinnerungsbuch, doch in dem Roman geht es nicht nur um Kindheitserinnerungen, es geht vor allem um die Erinnerung an eine zerbrochene Liebe, die zwischen Berlin und Tel Aviv spielt und die unter der Last der Vergangenheit leidet.

Das Buch beginnt mit einer Fahrradfahrt durch Berlin, genauer gesagt dem ehemaligen Ostberlin, auf der Nadja bereits zahlreiche Erinnerungen hochkommen. Martin taucht zunächst als Abwesender auf, als der, der gegangen ist. Der, der denkt, „dass die Leute nie begreifen werden, was mit seinen Leuten passiert ist“. Doch warum der Holocaust (im Buch heruntergebrochen auf: „Dass meine Leute seine Leute in den Tod geschickt haben, Kinder, Frauen, Männer, Alte, Kinder, Frauen, Männer, Alte, Kinder, Frauen, Männer, Alte, immer wieder und wieder, immer mehr und immer mehr“) für ihn noch so präsent ist, wird erst mit seinem Alter deutlich. Martin ist um die 50 und damit Sohn, nicht Enkel, Auschwitz-Überlebender. Er gehört der sogenannten Zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden an. Sie erbten die Traumata und verdrängten Schuldgefühle ihrer Eltern. Und so wie Nadja sich nicht von den Nachwendejahren lösen kann, wird Martin „alle diese Geschichten“ nicht los, die er von seinen Eltern schon beim Frühstück zu hören bekam.

Liebesbeziehung zwischen Deutschland und Israel

Diese beiden – wenn auch aus sehr verschiedenen Gründen – traumatisierten Menschen, treffen und verlieben sich in Tel Aviv, nachdem sie eine Reportage über Länder schreiben sollte, in denen es Mauern gab und er ein Interview dazu vehement ablehnte. Sie fährt trotzdem Hals über Kopf nach Israel und ihre gemeinsame Geschichte zwischen Deutschland und Israel beginnt. Und auch wenn es so scheint, als sei sie diejenige, die mehr liebt und die ständig auf ihn, seine Anrufe und SMS wartet, hat sie noch ganz andere Gründe, nicht loszulassen.

Zwischen Nadja und Martin überwiegt das Trennende – zum Beispiel Pauschalisierungen wie „meine Leute“ versus „deine Leute“ sowie Vorwürfe und Vergleiche ihrer Traumata. Beide haben gar keinen emotionalen Raum für den Schmerz des Anderen. So sagt Martin als konkurrierten die Wunden ihrer Vergangenheit: „Ich weiß, du findest, deine Leute laufen herum und sehen unter der neuen Farbe wie Tote aus. Aber das ist mir egal. Meine Leute sind wirklich tot. Sie laufen nirgends mehr herum. Sie sind irgendwo als Aschehaufen in den Wolken aufgegangen. Ich kann dich verstehen. Aber du verstehst mich nicht.“
Hensels „Keinland“ ist weit mehr als ein Liebesroman. Es gelingt ihr in ihrem literarischen Debüt, eine Sensibilität für die Prägungen zweier sehr unterschiedlicher Generationen zu schaffen, die beide gewissermaßen Minderheiten der deutschen Gesellschaft sind. Es mag an ihrer Biografie liegen, dass sie den tiefen Einschnitt, den das Ende der DDR für Nadja bedeutete, auch wenn sie nicht viel aus diesem untergegangenen Land vermisst, eindrücklicher und authentischer schildert. Einen Einschnitt, den die Autorin bereits in „Zonenkinder“ anschaulich beschrieben hat, der in „Keinland“ aber persönlicher und weniger vereinnahmend vermittelt wird.

Von Doreen Mildner

Der 26. Göttinger Literaturherbst bietet vom 13. bis 22. Oktober 70 Veranstaltungen zu Neuveröffentlichungen und literarischen Themen in Göttingen und Südniedersachsen. Eintrittskarten sind in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Markstraße 9 in Duderstadt, erhältlich, weitere Informationen unter literaturherbst.com.

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