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„Jede Übersetzung bringt eine eigene Interpretation“

Rosemarie Tietze „Jede Übersetzung bringt eine eigene Interpretation“

Rosemarie Tietze hat Werke von Lew Tolstoi neu übersetzt. Und, wenn man sie beim Wort nimmt, neu interpretiert. Insbesondere für ihre 2009 im Hanser-Verlag erschienene Übersetzung von „Anna Karenina“ in die deutsche Sprache, aber auch für die Übertragung zahlreicher anderer Werke russischer Autoren wie Bitow, Nabokov und Dostojewski, wurde sie 2010 mit dem bedeutenden Paul-Celan-Preis ausgezeichnet. Im Literarischen Zentrum Göttingen hat sie zum Start der Reihe „neu_übersetzt“ ihre aktuelle Arbeit vorgestellt.

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Preiswürdige Übersetzerin: Rosemarie Tietze.

Quelle: Hinzmann

Tietze wurde 1944 im baden-württembergischen Oberkirch geboren und studierte Germanistik, Slawistik und Theaterwissenschaft. Im Rahmen ihrer Tätigkeit als Übersetzerin, Dolmetscherin und Dozentin gründete sie unter anderem den Deutschen Übersetzerfonds. Die Aufarbeitung von Geschichten, das Reinwaschen durch die Zeit verkrusteter Worte, das war schon immer ihr Element. Den Traum Übersetzerin zu werden notierte sie sich bereits in ihr Kindertagebuch. Und wer die leidenschaftlich am Steinbruch der Texte arbeitende Tietze lesen hört, Passagen in Russisch, Passagen in Deutsch, der weiß warum das so ist. Kein Wort geht hier verloren, jedes darf seine für das Sinngewebe spezifische Bedeutung behalten.

Gefühlvoll beugt sie sich über die Figurenbeschreibungen Tolstois, versetzt sich in Einklang mit Rhythmus und Melodie der Metamorphose ihrer Übersetzung. Klapp, dann legt sie das Buch unvermittelt beiseite, denn Tietze möchte auch etwas über ihre Arbeitsweise erzählen, über ihre, wie sie es nennt, „Übersetzungsstrategie“. „Das Übersetzen hat sich gewandelt“, sagt die Wahlmünchnerin. „Es gibt historische Veränderungen bei einem so reichen Original wie ,Anna Karenina‘. Jede Übersetzung bringt auch gleichzeitig eine eigene Interpretation des Werkes.“ Vielleicht sei es leichter mit einer musikalischen Metapher zu verstehen: Richter und Gould interpretierten beide Bach, aber jeder auf seine Weise.

Das, was Tietze durch ihre „Übersetzungsstrategie“ aus dem Tolstoi-Klassiker zutage gefördert hat, das haben 20 andere Translationen, die allerdings schon mehr als 50 Jahre zurückliegen, nicht geschafft. In einen russischen Eisenbahnwagen ist Tietze eingestiegen, um ein besseres Gefühl für eine von Tolstoi beschriebene Situation zu bekommen. Mit einem Jäger hat sie sich über das „Schnepfen-Problem“ unterhalten, um herauszufinden, welche Laute diese Vögel wirklich machen. Während andere Übersetzer sich um diese Frage herumdrückten, suchte und fand die Vielsprachige den Begriff „quorren“ und konnte sich vortrefflich über diese dem Russischen so nahe Entdeckung freuen.

Auch dem Todesort Annas hat sie eine neue Dimension verliehen: Nicht in einer Kaserne wurde Kareninas Leiche gefunden, sondern in einem Eisenbahnerhäuschen. In ihren Alpträumen wurde die Protagonistin immer wieder von einem „zottigen Männlein“, einem Eisenbahner verfolgt. Letztlich scheut sich Tietze auch nicht auf einer Druckseite zwölf Mal das Wort „sagen“ zu verwenden, anstatt jedes mal ein Synonym zu bemühen. Zutage gefördert hat sie damit unter anderem die Wiederholung als eines der wichtigsten stilprägenden Mittel Tolstois.

Von Anna Kleimann

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