Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Jochen Schmidt und David Wagner über Kindheit und Jugend

Mit Erinnerungen infiziert Jochen Schmidt und David Wagner über Kindheit und Jugend

Zwei Jungen, zwei Kindheiten, zwei Länder vor der Wende. Mit  ihrem Buch „Drüben und drüben“ waren die Autoren Jochen Schmidt und David Wagner im Literarischen Zentrum zu Gast. Gerade jetzt, kurz nach den Feierlichkeiten zum  25 jährigen Mauerfall, ist das Interesse am Thema wieder neu entflammt, was sich auch an der stattlichen Anzahl der Zuschauer im Zentrum ablesen lässt.

Voriger Artikel
Deutsches Theater und Göttinger Tageblatt feiern 125-jähriges Jubiläum
Nächster Artikel
Stadtkantorei und GSO führen Beethovens „Missa solemnis“ auf

Beide im Jahr 1971 geboren: die Autoren David Wagner (links) und Jochen Schmidt.

Quelle: Pförtner

Göttingen. „Drüben und Drüben“  ist im besten Sinne ein „Wendebuch“, denn es lässt sich von beiden Seiten lesen. 

Aber es sei nicht nur ein Buch über Kindheit und Jugend im Westen oder im Osten, sondern ein Buch über die Kindheit an sich, so die Autoren, die beide 1971 geboren wurden. Schmidt und Wagner erkunden anhand von gleichen Schauplätzen wie Kinderzimmer, Schule, Spielplatz oder  Auto ihre jeweiligen Kindheitserfahrungen. Sie hätten sich gegenseitig mit Erinnerungen infiziert, erklärt Wagner, und so sei das Buch auf eine organische Weise gewachsen.

Unglaublich präzise, detaillierte Alltagsbeobachtungen sind dabei entstanden, die sich vor allem im Kosmos der Familie abspielen. Ganz unterhaltsam, aber in der Summe nichts Weltbewegendes, so könnte man meinen, wenn Wagner ausgiebig sein aufgeweichtes Schulbrot beschreibt.  Aber was da in großer sprachlicher Lakonie dahinplätschert, hat Gewicht.

„Zur Not könnte ich nach drüben gehen“

Aus scheinbar unbedeutsamen Alltagshandlungen entstehen die Konturen der jeweiligen Kindheit. Wenn Schmidts Ich-Erzähler beim Einschlafen ein Würgen in der Kehle verspürt, weil er nicht erwachsen werden möchte, da das in seiner Heimat Arbeit, sich fügen, Tristesse und Abstumpfung bedeutet, so wird das Private auch hier politisch. Mit Sätzen wie „zur Not könnte ich nach drüben gehen“ tröstet sich der Protagonist.

Wagners Ich-Erzähler dagegen hat so gar kein Interesse an der anderen Seite, sondern mehr an den Schokoladenvorräten seiner Schwester und an den Kindern vom Bahnhof Zoo. Ungeachtet der Seite gibt es ähnliche Antriebe. Beide Jungen lauern den schönen Mädchen auf, ersehnen den Beginn einer bestimmten Fernsehsendung – auch wenn es nur das Testbild ist – oder wollen endlich mal schnell Auto fahren. Nur unterscheidet sich da symbolischerweise das angestrebte Sehnsuchtstempo.

Im Osten wartet der Ich-Erzähler vergeblich darauf, endlich einmal Tempo 100 zu fahren, während der Vater des West-Protagonisten mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde   über die europäischen Autobahnen rast, was diesem Sprössling eher Angst einjagt. Symbolträchtig ist ebenfalls, wie beide den historischen 9. November 1989 verbracht haben. Im Westen tanzte man in einer Szene-Disco, im Osten verschlief man alles in der Kaserne.

Jochen Schmidt, David Wagner: „Drüben und drüben“, Rowohlt, 336 Seiten, 19,95 Euro.

Von Marie Varela

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff