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Johannes Ender inszeniert „Spam. Fünfzig Tage“ am Deutschen Theater

Allegorie-Suppe Johannes Ender inszeniert „Spam. Fünfzig Tage“ am Deutschen Theater

Da sitzen und stehen Menschen in der U-Bahn und quasseln. Mit wem, ist nicht zu erkennen, denn es sind moderne Menschen. Sie telefonieren. Kaum noch mit schlichtem Handy, die meisten haben sich multifunktional eingerichtet.

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Unterwegs zwischen Handywelt und tödlichem Afrika: die Schauspieler Gerd Zinck, Katharina Uhland, Angelika Fornell (von links).

Quelle: Säckl

Göttingen. Sie besitzen Smartphones und somit immer eine offene Tür zum weltumspannenden Netz. Soweit allerdings reicht ihr Einblick in die Welt eben nicht, dass ihnen klar wäre, dass in Afrika Menschen unter lebensunwürdigen, oft sogar tödlichen Umständen das Erz Coltan fördern, ohne das es keine mobile Kommunikation gäbe.

Doch der in Göttingen geborenen und aufgewachsenen Autor Roland Schimmelpfennig hat ein Stück darüber geschrieben. „Spam. Fünfzig Tage“ war eine Auftragsarbeit des Thalia Theaters in Hamburg wo er das Werk auch selbst inszenierte – wenig erfolgreich, bescheinigt ihm die Kritik, was wohl auch an dem Text liegen mag. Denn die Geschichte ist ohne Inhaltsangabe kaum zu verstehen. Am Deutschen Theater (DT) Göttingen hat es jetzt Johannes Ender für das DT 2, die frühere Studiobühne, inszeniert. Premiere war am Sonnabend.

Die Telefonierer verschlägt es irgendwie nach Afrika. Dort ist zum einen der „Riese“ (Gerd Zinck). Der steckt seine langen Finger hunderte Meter tief in die Erde und wühlt tief darin herum. Der „Riese“ trifft sich mit dem „Kapitän“ (Katharina Uhland), der Müll aus Hamburg in Afrika ablädt und sein Schiff mit teuren Rohstoffen und Diamanten wieder füllt.

Dann taucht der Mann in der Grube (Benedikt Kauff) auf, um gleich wieder abzutauchen. Er wird verschüttet und stirbt. Um ihn trauert die „blinde Frau“ (Vanessa Czapla), von deren Wehklagen der „Riese“ magisch angezogen wird. Das stört seine Liebesbeziehung zum „Kapitän“ und belastet sein Herz. Die Macht des „Riesen“ bröckelt, der „Zweite“ (Bardo Böhlefeld) übernimmt. Gerahmt wird das alles von „Elena, der Köchin“ (Angelika Fornell), die die „50 Tage“ aus dem Titel zählt.

Derart überfrachtet ist die Geschichte, dass es einiges an Aufwand bedarf, zu entschlüsseln, das hier von Konzernen die Rede ist, von unheiligen Wirtschaftsbeziehungen, von Tod und Verderben. Regisseur Ender vermochte auch nicht wesentlich zur Klärung der Allegorie-Suppe beizutragen. Schimmelpfennig hat zu viele Zutaten reingeschnippelt. Märchen wie Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“ klingen an. Die Erzählebenen verschwimmen. Immerhin hat Ender seiner einstündigen Inszenierung einen guten Rhythmus verpasst – und sein sechsköpfiges Ensemble zu einer sehr geschlossenen und starken schauspielerischen Leistung geführt.

Die nächsten Vorstellungen: 4., 13., 19., 23. und 28. Dezember um 20 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 50 15.
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