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Kabarett: Martin Zingsheim mit „Kopfkino“ im Apex

Wenn Hooligans auf Klaus Kinski treffen Kabarett: Martin Zingsheim mit „Kopfkino“ im Apex

Wovon man nicht schweigen kann, davon muss man sprechen, sagt er. Martin Zingsheim ist ein Senkrechtstarter in der Kabarettistenszene. Am Freitag hat er sein Programm „Kopfkino“ im Göttinger Apex präsentiert.

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Martin Zingsheim

Quelle: CR

Göttingen. Kopfkino. Die Gedanken einfach laufen lassen und mal schauen, wo man rauskommt. Bei Martin Zingsheim muss man ganz schön aufpassen, um seinem mäandernden Wortwitz ununterbrochen zu folgen.

Zuhören heißt bei dem Kölner auch mitdenken. Aber wenn man mal für einen Moment einem Gedanken noch nachhängt und nachschmeckt, macht es auch nichts. Denn der 31-Jährige hat genug dabei, er kippt ein wahres Füllhorn über seinem Publikum aus.

Vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Kleinkunstpreis 2015 (Förderpreis), lässt der Kabarettist und Musiker zumeist mit spitzbübischem Grinsen seine eigenwilligen Gedanken von der Kette. Politik gestalten sei wie ein Orchester leiten. „Vorne ein Star, darum herum viele Flachpfeifen und ein paar Lufthupen. Die Wirtschaft ist die CD. Die läuft ohnehin. Die Politik dirigiert dazu. Aber hinterher.“ Da passt es auch ins Bild, wenn Zingsheim die Koalitionsverhandlungen der Regierung als „Sedierungsgespräche“ bezeichnet.

So wie er mit Worten umzugehen vermag, sind auch seine Lieder und sein Klavierspiel. Sprachlich wie auch musikalisch ist Zingsheim ein Könner. Seine Themen sind weitgefächert: Veganismus, Pegida, Größen der Weltgeschichte und Kindererziehung („Wir wären gerne alleinerziehend“), musikalische Spätfolgen einer Erziehung in den 90er-Jahren AnotherDay in Paradise hinterm Maschendrahtzaun“), Geheimdienste, die Videochats und dabei vor allem Halbnackte vor Rechnern überwachen und der missratene Versuch, einen Urlaub „offline“ mit Kaminfeuer im Internet zu verbringen.

Museumsbesucher und Hooligans lässt der frisch promovierte Lockenkopf aufeinander prallen, Klaus Kinski auf Herman van Veen, Kritik an Gesellschaft, Politik und Kultur auf Alltägliches. „Es ist wichtig, eine Meinung zu haben, aber es muss ja nicht jeden Tag dieselbe sein“, sagt Zingsheim. Die Bildsequenzen und Assoziationen in seinem Kopfkino sind oft schräg. Deutscher Expressionismus sei wohl, wenn man „zwei Expressis“ bestelle.

Über Gott und die Welt parlierend setzt der so harmlos wirkende junge Mann seinen Spott und seine Spitzen so überraschend, locker und beiläufig, dass er seine Zuhörer damit um so unvermittelter trifft. Seine hintergründigen Pointen wirken wie ein Angriff auf das vegetative Nervensystem. Man kann sich gar nicht bewusst dagegen wehren und muss unwillkürlich einfach loslachen. Zingsheims Kopfkino ist frech und geistreich, intelligent und schräg, subversiv und bitterböse, mal nachdenklich, mal brüllend komisch. Viel Applaus, zwei Zugaben. Einfach klasse.

Von Karola Hoffmann

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