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Eiszeiten am Telefon

Kabarett mit Lars Reichow Eiszeiten am Telefon

Mit seinem Programm „Freiheit!“ ist der Musikkabarettist Lars Reichow am Sonnabend im ausverkauften Alten Rathaus beim Göttinger Kultursommer aufgetreten. Ob Campingurlaub, das Alter oder die eigene Meinung  – der Mainzer ging der Freiheit in vielen Facetten nach.

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Vielfach ausgezeichnet: der Kabarettist Lars Reichow. 

Quelle: Wenzel

Göttingen. Mit der Gottschalk-Weltumarmungsgeste kommt Reichow auf die Bühne. Und die Begrüßung zeigt, hier kommt einer heraus, der großes Publikum gewohnt ist. Entsprechend souverän hat er die Zuschauer nach wenigen Momenten bereits für sich eingenommen.

„Europa ist in der Krise."

„Europa ist in der Krise. Zu wenig Gemeinsamkeit, zu wenig Geist, zu viel Alleinherrschaft.“ So erfülle Erdogan sich gerade seinen Lebenstraum. „Er will die Türkei umbauen nach russischem Vorbild.“ Und mit Blick auf die USA frotzelt Reichow: „Wenn Trump Präsident würde, wäre das so, als wenn die Geissens ins Bundeskanzleramt einzögen.“

Vom Stehtisch wechselt Reichow an den Flügel, um das Verhältnis zwischen Merkel und Putin musikalisch und mit viel Wortwitz zusammenzufassen zu einem kleinen kalten Krieg am Telefon. Sie droht damit, seine Konten einzufrieren, er die Gaslieferungen einzustellen. Dann sei auch Frieren angesagt.

Von der Weltbühne der Politik ins beschaulich Private

Von der Weltbühne der Politik geht es ins beschaulich Private. Der Campingurlaub im Wohnmobil gerät zur Münchhauseniade. Der Kampf mit einem gigantischen Kaffeevollautomaten bringt viel Betroffenheitsapplaus ein. Vor einiger Zeit 50 geworden, sinniert Reichow über das Alter. Über Rapper macht er sich lustig, verpackt dann aber Betrachtungen über das eigene Alter in einen Rap-Song.

Ausgezeichnet mit zehn Kleinkunst- und Kabarettpreisen geht der Mainzer mit viel Ironie zur Sache. Ein durchaus heikles Stilmittel, weil ab einer gewissen Dosis das Kippen ins Überhebliche droht. Doch Reichow balanciert geschickt aus. Er beherrscht die Kunst des Erzählens im Plauderton.

Mit arglosem Augenaufschlag

Man hört gerne zu und möchte erfahren, wie seine Geschichten, die er mit arglosem Augenaufschlag erzählt, denn nun weiter gehen. Wobei die Episode zu einem verplemperten freien Tag zerfasert und zu lang gerät. Großartig hingegen sein Stammtisch-Plauderer, der sich im Pfälzer Idiom über Themen wie Diktaturen und Religionen auslässt. Sein Fazit: „Ausländer sind kein Problem, aber vielleicht später und woanders.“

Reichow nimmt Gott und die Welt und vor allem sich selbst auf die Schippe. Mal pflegt er nachdenkliche und kritische Töne, dann ist er humorvoll und locker leicht unterwegs. Und wenn es ums Emotionale geht, lässt er seine Chansons und kabarettistischen Lieder, die wunderbaren Melodien und seine poetischen Texte sprechen.

Hervorragender Musiker

Der 52-Jährige ist ein hervorragender Musiker. Er hat das Fach studiert, und war bereits als 17-Jähriger als Begleitmusiker von Hanns-Dieter Hüsch auf Tournee unterwegs. Eine frühe Initialzündung, die letztlich dazu führte, den Lehrerberuf gegen die Kabarettbühne einzutauschen. Eine gute Entscheidung. Das Publikum bedankte sich mit viel Applaus für den Abend.

Von Karola Hoffmann

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