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Kabarett von Polt und den Well-Brüdern

Lichtenberg-Jubiläum Kabarett von Polt und den Well-Brüdern

Humor „mit humanitärem Beigeschmack“ haben Gerhard Polt und die Well-Brüder am Sonntag 800 Zuschauern in der Göttinger Stadthalle geboten. Bitterböse ließen sie die „Spötterdämmerung“ enden, die Teil der Veranstaltungen zum 275. Geburtstag des Gelehrten Lichtenberg war.

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Die Well-Brüder bei der „Spötterdämmerung“ in der Stadthalle.

Quelle: Helge Schneemann

Göttingen. Tiefschwarzen Humor „mit humanitärem Beigeschmack“ haben Gerhard Polt und die Well-Brüder am Sonntagabend 800 Zuschauern in der Göttinger Stadthalle geboten. Bitterböse ließen sie die Kabarettreihe „Spötterdämmerung“ enden, die Teil der Veranstaltungen zum 275. Geburtstag des Universalgelehrten Lichtenberg war.

Polt, der bereits vor 17 Jahren für sein Lebenswerk mit dem Göttinger Elch geehrt worden ist, karikiert meisterhaft den engstirnigen, arroganten Spießer. Da mimt er am Sonntag zum Beispiel den Ruheständler, der sich von Frührentnern abgrenzt: „Mit diesem Personenkreis habe ich nichts zu tun.“ Wortreich empört sich der Münchner über die „Gesinnungskretins“, die den Begriff „Mensch ad absurdum“ führten – und entpuppt sich dann selbst als einer.

Lichtenberg-Ausstellungen

Zwei Lichtenberg-Ausstellungen in Göttingen machen mit Georg Christoph Lichtenberg ( 1742–1799 ) vertraut: Sein wissenschaftliches Werk zeigt die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) in der Paulinerkirche. Die Exponate von „DingeDenkenLichtenberg“ stellen die Vielseitigkeit und das Selbstverständnis Lichtenbergs sowie seine Rolle für die Ideen- und Wissensgeschichte des 18. Jahrhunderts dar. Sie ist noch bis Montag, 3. Oktober, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr in der Paulinerkirche, Papendiek 14, geöffnet. Nur noch bis Sonntag, 13. August, ist die Ausstellung „Lichtenberg Reloaded“ zu sehen: Sie zeigt Werke von 42 Künstlern, die Lichtenbergs Worte und Wissenschaft interpretiert haben im Alten Rathaus, Mark 9 (dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr).

Den Nachbarn überwacht er mit einer Drohne, zählt die Würstchen auf dessen Grill, um ihm Verstöße gegen die Hausordnung nachzuweisen. Wunderschön spielt der Bayer den reaktionären, fremdenfeindlichen Großvater, der dem Enkel Nachhilfe in Geschichte gibt: „Das steht nicht in Bubis Piep, Piep, Piep.“ Da erfährt der Junge dann, dass es den Zweiten Weltkrieg gar nicht hätte geben brauchen, wenn Deutschland den Ersten Weltkrieg nicht verloren hätte. Und am Ende fragt der Großvater mit Blick auf das neue Flüchtlingsheim im Ort besorgt, was der Junge da wohl mit seinen Kumpanen, „hoffentlich nicht Komplizen“, in der Garage bastelt.

Schweinsbraten für Europa

Zu den Hinrichtungsvideos des Islamischen Staats fällt Polt Karl der Große ein. Der habe einst Sachsen köpfen lassen, um sie zum Christentum zu bekehren. Polt: „Ob Karl damit Erfolg hatte, weiß ich nicht.“ Mit den Well-Brüdern, die früher als Biermösl Blosn („Beerenmoos-Clique“) auftraten, fordert er singend „Schweinsbraten für Europa“, damit „das Abendland nicht dem Islam in die Arme fällt“. Breit grinsend erklärt er, dass er sich bereits auf den Auftritt in Dresden freue.

Die alten Frauen im Dorf, die sich über junge Mütter den Mund zerreißen, stellt Polt dar. Als Grund für Vorsorgeuntersuchungen nennt er die Angst der werdenden Mütter vor „genetischem Sondermüll“. Er wirbt für Ohrfeigen in der Kindererziehung („Prankenpsychologie“) und spottet über Frauen, die ihre Kinder „im Suff“ (SUV) zur Schule bringen. Die Intelligenz der Kleinen überzeugt ihn nicht („keine Leuchten, eher Funzeln“).

Gerhard Polt

Gerhard Polt

Quelle: Helge Schneemann

Aufs Korn nimmt der Kabarettist die indischen Geistlichen, die die katholische Kirche aufgrund des Priestermangels nach Deutschland holt. Wunderschön imitiert er auf Englisch mit indischem Akzent den Kulturschock der Asiaten angesichts leerer Kirchen und lebensfroher Bayern im Biergarten.

„Unheilige Dreieinigkeit“

Grandios ist Polts Schilderung von Bayerns korruptem Amigo-System, jener „unheiligen Dreieinigkeit“ von Landrat, Sparkassendirektor und Hochwürden. Da klagt der Politiker über die „natürlichen Grenzen“, die der Erweiterung eines Unternehmens in Bayern entgegenstehen: die Naturschutzgebiete.

Aufgelockert werden Polts Tiraden durch die bayrische Volksmusik der Well-Brüder, der Elchpreisträger von 2007. Im fliegenden Wechsel tauschen die singenden Kabarettisten die Instrumente: Tuba, Posaune und Alphorn, Kontrabass und Geige, Ziehharmonika und Drehleier. Als Tänzer bekamen sie viel Applaus: Christoph „Stoffel“ mit einem Schuhplattler, Michael mit einer Bauchtanznummer und Hans mit einem Stepptanz. Für Lokalkolorit sorgten die drei in ihrem Göttingen-Song. Da spotteten sie über den „Prachtpalast“ der Sparkasse, brachten die hohe Apothekendichte der Stadt mit dem Einbecker Bier in Verbindung und nannten das Eichsfeld das „schwärzeste Loch“ des Universums.

Von Michael Caspar

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