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Empört euch!

Kabarettist Florian Schroeder im Alten Rathaus Empört euch!

Was haben der Kabarettist Florian Schroeder und die Grünen gemeinsam? Für die Öko-Partei wird die Zukunft aus Mut gemacht, so ihr Wahlkampfslogan, Schroeder rät den Zuhörernn im Alten Rathaus Göttingen, „Mut zum Scheitern“ aufzubringen - und damit könnte er auch die Grünen des Jahres 2017 gemeint haben.

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Quelle: AIB

Göttingen. „Entscheidet euch!“, heißt das Programm, mit dem der 37-Jährige am Sonnabend im Rahmen des Göttinger Kultursommers auftritt. Das Alte Rathaus ist mit 280 Zuhörern ausverkauft, kurz vor Einlassbeginn hat sich auf dem Marktplatz eine 50 Meter lange Schlange gebildet.

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Mann ist es wert, jede noch so lange Wartezeit in Kauf zu nehmen. Schroeder versteht sein Handwerk, und noch mehr: Er hat die Deutungshoheit. Er setzt die Themen und hat das letzte Wort. Schroeder würde glatt gewählt werden. In Göttingen wären ihm 280 Stimmen sicher.

Der Auftritt des eloquenten Enddreißigers hat Bruce-Springsteen-Dimensionen - erst nach zweidreiviertel Stunden entlässt er das verzückte Publikum in die laue Göttinger Nacht. Die Zuhörer haben einen Schnelldenker und -sprecher erlebt, der offenbar bereit ist, ein großes Erbe anzutreten.

Der frühe Harald Schmidt hat auf seiner „Schmidtgift“-Tournee einmal so schnell gesprochen, dass nur noch die Vokale zu verstehen waren und der Zusammenhang dem Publikum eine Rekonstruktionsleistung abverlangte. Schroeder spielt in derselben Liga. Was ist Ernst, was ist Spaß, wo hört die Ironie auf?

Neulich sei er im Norden gewesen, berichtet er zu Beginn. Dort hätten bei seinem Auftritt die Mundwinkel in Merkelscher Manier nach unten gezeigt. In Göttingen wird sich demgegenüber selbst beim etwas lauen Warm-up auf die Schenkel geklopft. Du sitzt im Flugzeug, und schon drängelt sich der Nebenmann mit dem Hintern zuerst an dir vorbei zur Bordtoilette. Hö, hö. Und die Zuhörer? Die toben.

„So isses doch“, darauf laufen viele Monologe hinaus. Die unübersichtliche Vielfalt des Shampoo-Angebots, der Optimierungsstress des modernen Menschen, diese Veganer, „die Gemüse-Taliban“, oder langjährige Partnerschaften: „Frauen sind weniger bereit, ein totes Pferd zu reiten, auch wenn es noch zuckt.“ Seien wir doch mal ehrlich - aber mit Niveau. 

Angekündigt wurde ein Programm für Kopf und Bauch. Am meisten profitiert der Kopf, etwa wenn sich Schroeder mit der großen Politik befasst. Mit Donald Trump („Ein Vierjähriger, gefangen im Körper eines 70-Jährigen“), Christian Lindner („ein durchgeknalltes Duracel-Häschen“) oder der AfD: Man wolle das Fieberthermometer der Gesellschaft sein, sagt Frauke Petry im Einspieler, der auf eine Leinwand projiziert wird. „Tja, und in welchem Körperteil der Gesellschaft steckt das Ding?“, fragt sich Schroeder. 

Politisches Kabarett - schön und gut: Doch der 37-Jährige hat ein Anliegen, er will eine Botschaft unters Volk bringen. In dieser Hinsicht lässt er den bitterbösen Schmidt hinter sich und hakt sich bei einem Dieter Hildebrandt unter. „Wir waren immer die Schlauen und haben den Dummen gesagt: Geht wählen! Dann haben sie es gemacht, und jetzt stehen wir da.“ Ja, ja, Trumps Klimapolitik kritisieren und dann mit dem SUV zum Supermarkt fahren. „Wir haben uns eingerichtet im Gestus der moralischen Überlegenheit.“ Plötzlich ist es ganz still im Alten Rathaus. 

Nicht nur Bauch und nicht nur Kopf, sondern auch Gewissen: Hessels „Empört euch“ ist in der Aussage auch Schroeders Anliegen. Da geht er über den Zyniker Schmidt hinaus, das macht ihn zu einem Hoffnungsträger der nächsten Jahre. Als er allen Ernstes die Abschaffung der Ehe fordert, erntet er dafür in Göttingen großen Applaus. Spaß, Ernst? Schroeder könnte auch die sofortige Stilllegung aller Diesel-Fahrzeuge fordern, und sie würden aufspringen und jubeln. 

Der Zeigefinger zeigt nicht nur, er mahnt auch. Er ermahnt die Schlauen, sich nicht mit der Verdummung abzufinden. Sondern sich zu engagieren. Sich zu empören.

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