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Mary Poppins und ihr Drachmentöter

Reiner Kröhnert mit „Mutti Reloaded“ in Göttingen Mary Poppins und ihr Drachmentöter

Merkel und Schäuble, Kinski und Katzenberger: Während des Göttinger Kultursommers hat Kabarettist und Parodist Reiner Kröhnert am Sonnabend im ausverkauften Alten Rathaus in Göttingen einer illusteren Riege aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Boulevard Bühnenleben eingehaucht.

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Kabarettist Reiner Kröhnert parodiert bei seinem Auftritt im Alten Rathaus in Göttingen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Quelle: CR

„Die neue Mutti-Weltordnung kommt mit kleinen Schritten und mit sanfter, aber bestimmter Hand daher.“ Eine blonde Perücke auf dem Kopf, der Körper schlaff hängend, die Mundwinkel nach unten. Als Angela Merkel tritt Reiner Kröhnert auf die Bühne und vom ersten Moment an ist er sabbelig berlinernd mitten in der Rolle und das Publikum sofort auf seiner Seite.

„Ich bin manchmal an Situationen angepasst, die haben noch gar nicht stattgefunden“, lässt Kröhnert seine Kanzlerin sagen. Und so plant sie schon eifrig, sobald die GroKo geplatzt und Seehofer entsorgt ist, bei den Grünen anzuklopfen. Mit denen werde sie dann ihre „wundersame Wendung in eine Mary Poppins der Willkommenskultur beenden“.

Nach kurzen Seitenhieben auf Stoiber und Merz sind Ronald Pofalla und Peter Hintze dabei, sich verzückt über das „zärtlich zuckende Zotten-Labyrinth“ der Kanzlerin auszulassen. In ihrer Fantasie sind sie dabei unterwegs, „Merkel einmal bäuchlings zu durchqueren“. Kröhnert haut satirisch überspitzt mal richtig auf den Schlick.

Licht aus, nächste Szene, nächste Figur. Als Bundespräsident Gauck erklärt der Kabarettist es zur Pflicht, „für die Freiheit unserer Banken geradezustehen“. Und als Cohn-Bendit lässt er sich über Putin aus, der sich mittlerweile auch „über Lummerland und Entenhausen hergemacht“ habe.

Eine winzige Geste, einen imaginären Rollstuhl kurz anzuschieben reicht, um die Figur des Finanzministers Schäuble zu erkennen. Der „Drachmentöter“ nordet erst einmal die Griechen auf Sparkurs ein.

Dass er auch blitzschnell zwischen Figuren wechseln kann und dabei genüsslich verschiedene Geisteswelten aufeinander prallen lässt, zeigt Kröhnert in Gesprächsrunden mit Michel Friedman, Rüdiger Safranski und Gästen wie Boris Becker und Daniela Katzenberger, die „die süßen alten Männer“ kräftig auflaufen lässt. Einzig Franz Beckenbauer bleibt als Figur arg blass, der bayerische Dialekt mag Kröhnert nicht so recht gelingen. Dafür brilliert er mit seinem schauspielerischen Können als Klaus Kinski, der als wunderbar sinisterer Erotomane fasziniert.

Ob Stimme, Gestik, Haltung oder kabarettistische Spitzen – Kröhnerts Parodien sitzen. Vor allem verzichtet er darauf, zu poltern. Der Kabarettist setzt auf Fallhöhe und die Kraft der leisen Töne. Sein Personal sorgt dabei für die nötige Abwechslung. Mal kommen die Pointen der Figuren angemessen flach wie Brackwasser daher, mal ganz fein und mit viel Sprachwitz, dann wieder vielschichtig, kenntnisreich und hintergründig. Gut beobachtet und bestens recherchiert sind die Rollen einfach stimmig. Eine tolle Leistung und ein sehr unterhaltsamer Abend.

Von Karola Hoffmann

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