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Kabarettist Sebastian Nitsch im Apex

Göttingen Kabarettist Sebastian Nitsch im Apex

Was wird wohl einst von uns bleiben? Diese Frage hat sich Musikkabarettist Sebastian Nitsch am Sonnabend im Göttinger Apex gestellt. Eine eher ungewöhnliche Art, etwas für die Zukunft zu festzuhalten, zeigt sein Programm „Unsterblichkeitsbatzen. Komik zwischen Feingeist und grober Leberwurst“.

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Sebastian Nitsch

Quelle: Wenzel

Göttingen. „Es ist ja nicht mehr selbstverständlich heutzutage, dass man so live miteinander ist“, begrüßt Nitsch die Zuschauer. Mobiltelefone, die hoch gehalten werden, „damit sie besser sehen können“, oder i-Pads vor den Nasen sind vertraute Bilder. „Die Menschen werden mehr und mehr zu Kameramännern ihres eigenen Lebens“, meint Nitsch und fordert zum Gegensteuern auf: „Wir lassen den Abend einfach so atmen.“

Nitsch ist einer, der gegen den Strich bürstet. So sitzt er auch schon vor Beginn seines Programms improvisierend am Klavier und lässt den Abend ganz entspannt mit Bar-Pianomusik angehen. Der 38-Jährige verlässt ausgetretene Pfade. Mit wachem Blick entdeckt er die Poesie der Absurditäten und Banalitäten im Alltäglichen. Seit 2010 auf Kleinkunstbühnen unterwegs, wurde er 2015 mit dem begehrten Prix Pantheon (Jurypreis) ausgezeichnet.

Die Schönheit des Wortes „späääter“ hält Nitsch dem ekeligen „jetzt“ entgegen. Auf Shampooflaschen macht er reihenweise Beleidigungen und Defizite („strukturgeschädigtes, strohiges, brüchiges Haar“) aus. Sein Publikum ruft er zum ungenierten Stoffwechseln auf. „Ich lebe, also rieche ich“, lautet das gemeinsame Mantra. Und mit einem Einspieler demonstriert er, mit wie viel Tiefgang er eine Sprecherin „brackiges Wasser“ in der Haltestellen-Ansage „Alter Teichweg“ mitschwingen lässt.

Mit seinem ungewöhnlichen und detailreichen Blick auf die Welt gibt der Berliner Denkanstöße, die er mit angenehmer Stimme unter die Leute bringt. Ebenso mit seinen wunderschönen Liedern, die sich zumeist ins Ohr schmeicheln, auch wenn es bitterböse wird. Etwa wenn er auf Rache sinnt an einem unachtsamen U-Bahn-Rempler oder für das Aussteigen und Verweigern von Erwartungen plädiert („Ich mach da nicht mehr mit“).

Vielleicht ist das Glück, nach dem wir alle suchen, schon da, sagt Nitsch. „Wir müssen es nur aus der Schuhsohle kratzen.“ Das Glück finden und unsterblich werden, lässt sich bei ihm auf den Nenner bringen: „Kaut, spuckt und lebt.“ In einem „Unsterblichkeitsbatzen“ sichert Nitsch schließlich die DNA einiger Zuschauer in Kaugummis für die Ewigkeit. Ein bemerkenswerter und durchaus nachhaltiger Abend.

Von Karola Hoffmann

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