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Nessis Welt der Amnesie

Göttinger Kultursommer Nessis Welt der Amnesie

Sie ist die Wutbürgerin, die ihr Publikum zusammenschreit, die Gabi aus der Selbsthilfegruppe und das radebrechende Mütterchen aus Kasachstan: Atemlos schlüpft Nessi Tausendschön (52) von einer Rolle in die nächste. Am Sonntagabend war die Kabarettistin im ausverkauften Alten Rathaus zu sehen. 

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Vom Publikum gefeiert: Nessi Tausendschön und ihr Gitarrist William Mackenzie.

Quelle: Wenzel

Göttingen. Den Steuerbescheid, den Horror der 20-Uhr-Nachrichten: „Das dränge ich weg, das schneide ich ab“, sang die Trägerin des Deutschen Kleinkunstpreises. Begleitet von Gitarrist William Mackenzie, pries die gebürtige Hannoveranerin in ihrem achten abendfüllenden Programm „die wunderbare Welt der Amnesie“. Voller Freude über das Geschenk, Sachen auch wieder vergessen zu können, vergaß sie sogar den eigenen Liedtext. Grunzend imitierte sie Jazzsänger und bekam kräftigen Applaus.

Medien als große Amnesiemaschine

Wie „eine große Amnesiemaschine“ funktionierten die Medien, klärte Tausendschön ihr Publikum auf. Mit immer neuen Meldungen fesselten sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer und machten den Skandal von gestern vergessen. Die Atomkatastrophe von Fukushima habe den Plagiatsfall Karl-Theodor zu Guttenberg aus den Schlagzeilen verdrängt, der Tod Michael Jacksons die – gescheiterte – Grüne Revolution gegen die Islamische Republik Iran. „Oder steuert das jemand?“, fragte die Künstlerin. Müsse Helene Fischer sterben, damit niemand der Einführung der Maut Beachtung schenke.

Mit „Ich bin so antriebslos“ wechselte die Kabarettistin zu einer anderen Schwäche. Während sie „die Schleimspur der Gemütlichkeit“ pries, entlockte sie ihrer singenden Säge herrlich jaulende Töne. Ein Metronom tackte unterdessen ins Mikro. Tausendschön blies in Plastik-Tröten und begleitete sich mit einem Knackfrosch.

Großartige Stimmenimitatorin

Wie ein Motivationskurs einen Menschen verändern kann, demonstrierte die Künstlerin in ihrer Rolle als Gabi Pawelka. Sie ließ ihre Gabi „Ich bin ein Siegersamen“ brüllen und von Frauenbünden schwärmen, um sie dann auf Männersuche zu schicken. Dunkel solle sein Haar sein, wünschte sich Gabi, oder wenigstens überhaupt noch Haare auf dem Kopf tragen oder sich wenigstens noch an seine Haarfarbe erinnern können.

Die Künstlerin besang ihren alkoholabhängigen Schutzengel („Er trinkt, weil er Sorgen hat. Er wusste aber nicht, dass seine Sorgen schwimmen können.“). Als Wutbürgerin schrie sie ihr Publikum zusammen, dessen gehässiges Lachen und niveauloses Schenkelklopfen ihr nicht gefiel. Großartig war sie als Stimmenimitatorin, parodierte Nena, Nina Hagen und die Kanzlerin. Gitarrist Mackenzie bekam einen Soloauftritt als Zauberkünstler. Das Publikum klatschte begeistert. Tausendschön: „Danke für das schöne Geräusch.“ 

Nächster Gast des Göttinger Kultursommers ist der Kabarettist Reiner Kröhnert. Am Dienstag, 30. Juli, präsentiert er um 20.30 Uhr im Alten Rathaus, markt 9, sein Programm „Mutti Reloaded“.

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