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Kantorei St. Jacobi und GSO führen „Die Seligpreisungen“ auf

Mit wahrer Inbrunst Kantorei St. Jacobi und GSO führen „Die Seligpreisungen“ auf

Die Göttinger haben lange warten müssen, César Francks Oratorium „Die Seligpreisungen“ (Les béatitudes) hören zu können. Uraufgeführt 1891 in Dijon, war es hier noch nie zu erleben – nun hat sich die Kantorei St. Jacobi dieser Herausforderung gestellt.

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Mit Engagement und Präzision: die Kantorei St. Jacobi und die Göttinger Symphoniker.

Quelle: Heller

Göttingen. Eine Herausforderung ist dieses Werk in der Tat. Und das liegt nicht nur an seiner ehrfurchtgebietenden Länge von gut zweieinhalb Stunden. Das Oratorium verlangt auch einen aufwendigen musikalischen Apparat mit stark besetztem Chor, etlichen Gesangssolisten, einem angemessen groß besetzten Orchester samt Orgel. Und darüber hinaus ist die Tonsprache dieses hochromantischen Oratoriums ziemlich anspruchsvoll, nicht zuletzt der diffizilen Rhythmik wegen.

Wie kann man aus der Bergpredigt die für ein Oratorium notwendige Dramatik gewinnen? Die Librettistin Josephine Colomb hatte einen wirkungsvollen Grundeinfall: Sie stellt den Seligkeitsverheißungen Christi das sündige Volk gegenüber, das sich vehement für die Freuden des Besitzes oder das Recht des Stärkeren einsetzt, Gewalt predigt, sich der Macht Satans unterwirft. Satan selbst tritt ebenfalls auf, auch Maria in Gestalt der Mater dolorosa.

Das ergibt eine dramatisch fesselnde Struktur, die Franck mit geradezu glühenden musikalischen Farben ausmalt. Der Komponist ist ein Meister der sprechenden Geste. Die Seufzer des gequälten Menschen haben in seiner musikalischen Sprache zahllose Nuancen. Diese Farben arbeitete Jacobi-Kantor Stefan Kordes mit wahrer Inbrunst heraus.

Sein mit rund 80 Stimmen besetzter Chor folgte ihm mit hörbarem Engagement und großer Präzision, besonders bemerkenswert dabei die Stimmkraft der Männerstimmen, die in diesem Oratorium manch eigene Aufgabe gestellt bekommen. Dass hier und da im romantischen Überschwang die Konturen nicht ganz scharf gezeichnet waren, ist angesichts dieser zutiefst bewegenden Aufführung nebensächlich. Und dass der französische Text nicht immer sauber artikuliert war, wurde aufgefangen durch die angenehm straffen deutschen Inhaltsangaben, die Wolfgang Wangerin den acht Sätzen des Werkes voranstellte.

Mit Hingabe

Solobassist Henryk Böhm faszinierte nicht nur durch seine große Stimmstärke, sondern auch durch seine ungemein lebendige Ausdrucksgestaltung, vor allem in der Partie des Satan. Das verursachte Gänsehaut. Ebenfalls sehr stimmstark und dabei enorm beweglich sang Clemens Löschmann die kräftezehrende Tenorpartie. Der edle Bassbariton von Gotthold Schwarz passte vorzüglich zu den Christusworten. Die beiden Frauensoli sangen Stephanie Henke mit kräftigem, hier und da etwas scharfem Sopran und Nicole Pieper mit ihrem schönen Alt-Timbre. Ergänzt wurde die Solisten durch drei Mitglieder der Kantorei (Marie Lüders, Karsten Krüger und Christian Neofotistos), die sich mit ihren beachtlichen Stimmqualitäten neben den Profi-Solisten nicht zu verstecken brauchten.

Das Göttinger Symphonie-Orchester meisterte seinen anspruchsvollen Part mit derselben Hingabe, wie sie bei den Choristen zu erleben war. Vielleicht hätte Kordes am Dirigentenpult die Steigerungen bisweilen etwas sparsamer anlegen sollen – allzu viele Höhepunkte in rascher Folge verlieren an Wirkung, und die permanent hohe Lautstärke macht den Gesamtklang nicht eben durchsichtig. Doch das sind nur Nebenaspekte angesichts einer grandiosen Aufführung, die die Zuhörer in der voll besetzten Kirche bis zum Schlussakkord in den Bann zog. Am Ende gab es Standing Ovations.

Von Michael Schäfer

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