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Paradiesische Perspektiven

Kerstin Reimann liest Mark Twain im GDA Wohnstift Paradiesische Perspektiven

Bei Mark Twain denkt man sofort an Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Doch der Autor hat sich auch noch einem anderen Paar gewidmet. Sein „Tagebuch von Adam und Eva“ ist ein herrlich amüsantes Plädoyer für die Liebe. Die Schauspielerin Kerstin Reimann hat es am Donnerstag im GDA Wohnstift vorgestellt.

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Kerstin Reimann während ihrer Lesung im GDA Wohnstift.

Quelle: Pförtner

Geismar. „Dieses neue Wesen mit den langen Haaren ist ziemlich im Weg. Es lungert immer irgendwo herum und rennt mir hinterher. Ich bin Gesellschaft nicht gewohnt. Ich wünschte, es würde bei den anderen Tieren bleiben.“ Na, wer hätte gedacht, dass Adam so denkt. Liebe auf den ersten Blick war es weiß Gott nicht zwischen ihm und Eva. Zumindest in den Tagebüchern, die Mark Twain (1835-1910) seinen biblischen Protagonisten aufs Papier diktierte.

Etwa 40 bis 50 Zuhörer sind zu der Lesung gekommen. Einige davon schon in Vorfreude auf das direkt anschließende Fußball-EM-Halbfinalspiel. Und nachdem eine hartnäckige Rückkopplung wegen eines Hörgerätes behoben ist, kann die Lesung starten.

Aus zweierlei Perspektiven lässt Twain die Paradies-Bewohner ihr Aufeinandertreffen und ihre zögerliche Annäherung in Tagebucheinträgen schildern. Mit satirischem Augenzwinkern und viel Situationskomik werden die urmenschlichen Unzulänglichkeiten der Geschlechter in frischer Sprache erzählt. Feinsinnig und schelmisch zugleich.

„Er“ will eigentlich nur seine Ruhe und ist stark genervt von ihrem nimmermüden Aktionismus und ihrer Geschwätzigkeit. Verständnislos beobachtet er die Zuneigung seiner Gefährtin für alles, was da kreucht und fleucht. „Sie“ erkundet die Welt mit naiver Neugier und durchaus reflektiert. Trotz all seiner nüchternen Sachlichkeit und seines mangelnden Einfühlungsvermögen keimen allmählich romantische Gefühle in ihr auf.

Kerstin Reimann, die seit 2009 mit ihren „Musikalischen Lebenswert-Lesungen“ unterwegs ist und schon mehrfach im Wohnstift zu Gast war, liest eine schön zusammengestellte Auswahl aus dem Tagebuch. Die studierte Pädagogin, Schauspielerin („Das fliegende Klassenzimmer“, „Der Kriminalist“) und Schauspieldozentin, die regelmäßig für Senioren sowie in einem Berliner Blinden-Wohnheim liest, versteht ihr Metier.

Mit klarer, warmer und lebendiger Stimme und ständig den Blick ihrer Zuhörer suchend lässt sie bei aller Präsenz einfach das Buch für sich sprechen. Lässt die humorvolle und universelle Geschichte wirken, die mit all ihren Klischees zeigt, welch genauer, liebevoll-umsichtiger Beobachter menschlicher Schwächen Mark Twain war, der seine Tagebücher mit einer wunderbaren Liebeserklärung beendet.

Von Karola Hoffmann

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