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Schlange stehen fürs Überleben

Kino-Tipps Schlange stehen fürs Überleben

Als „Wunder von Dünkirchen“ ging die Evakuierung Hunderttausender allierter Soldaten aus Frankreich in die Geschichte ein - mit "Dunkirk" hat Christopher Nolan dem Szenario ein filmisches Denkmal gesetzt. Außerdem starten diese Woche "Baby Driver", "The Party" und weitere Filme in den Göttinger Kinos.

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Schlange stehen fürs Überleben

„Dunkirk“

Von Stefan Stosch

Der Tod kommt unangekündigt, beinahe zufällig, und er kann jeden erwischen. Die Opfer haben nicht einmal eine Ahnung, von wo die Kugeln abgefeuert werden. Der Feind ist nicht zu sehen – und wird auch diesen ganzen Film lang unsichtbar bleiben. Nur seine Flugzeuge jagen über den weiten Meereshimmel und stoßen immer mal wieder überraschend wie Habichte herab. Zumeist aber liegt über dem Sterben am Meer eine gespenstische Ruhe. Das hier könnte beinahe ein Stummfilm sein, eingehüllt in die unheilvoll tickende Musik von Hans Zimmer.
Würden nicht einige wenige Eingangszeilen auf der Leinwand zu Beginn von „Dunkirk“ historische Orientierung geben und würden nicht bald schon Flugblätter über der Stadt am Ärmelkanal herabregnen: Es wäre erst einmal schwer zu sagen, wer in dieser apokalyptischen Szenerie gegen wen kämpft.

Ein oder zwei Zettel fängt der junge Soldat (Fionn Whitehead) auf, der mit seinem Trupp durch das geisterhaft leere Dünkirchen streift und nach Essbarem sucht. Die Flugblätter sollen ihm als Klopapier dienen, aber dann wirft er doch einen kurzen Blick darauf: Die deutsche Wehrmacht fordert die alliierten Soldaten zur Kapitulation auf. Sie hat den Gegner im Mai 1940 umzingelt. Gegenwehr scheint zwecklos. Bevor der Soldat das Papier seinem vorgesehenen Zweck zuführen kann, sind die Kameraden an seiner Seite auch schon tot, niedergemäht von Snipern, die irgendwo in ihren Verstecken lauern. Vor dem flüchtenden, keuchenden Mann öffnet sich die Stadt zum Strand. Und da stehen sie in langen Schlangen, manche bis zur Hüfte im Wasser, Verwundete liegen auf Tragen in langen Reihen: Tausende französische und britische Soldaten hoffen darauf, in Sicherheit gebracht zu werden. Das Meer ist ihre letzte Fluchtmöglichkeit. Draußen auf der See dümpeln große Kriegsschiffe. Kleinere Boote sollen die Menschen hinüberbringen. Hier und da steigt von zerbombten Wracks Rauch auf. Die Soldaten am Ufer warten auf ein Wunder. Ihre Zeit läuft ab. Die Deutschen sind im Anmarsch.

So intensiv und konzentriert hat man den Krieg im Kino selten inszeniert gesehen, zuletzt in Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ (1998). Auch da schlugen die Geschosse am D-Day rund um die an die normannischen Strände stürmenden Soldaten ein, bis einem Hören und Sehen verging. Nach einer halben Kinostunde aber gab Spielberg diesen Blickwinkel auf und setzte zum Heldenepos an. Der Soldat James Ryan musste gerettet werden. Tom Hanks übernahm den Job.

In „Dunkirk“ wird die Sicht von Tommy – so heißt der junge Soldat – durchgehalten. Seine eingeschränkte Perspektive steht in Gegensatz zu den messerscharfen Bildern des 70-Millimeter-Formats, wie es nur noch wenige Regisseure verwenden (zum Beispiel Quentin Tarantino in „The Hateful Eight“). Der Einzelne kann hier gar keinen Überblick übers Geschehen bekommen, er ist allein mit dem Überleben beschäftigt.

Hilfe kann nur von außen kommen – von dem Spitfire-Piloten (Tom Hardy), der die deutschen Flieger attackiert, bis ihm der Sprit ausgeht, oder von dem patriotischen Familienvater (Mark Rylance), der auf seinem Familienboot unbeirrbar auf das Inferno zusteuert, um Überlebende zu retten. Hunderte Briten handelten damals wie er.

So wird die Perspektive des Soldaten um zwei weitere angereichert: Wir nähern uns dem Geschehen zu Wasser, zu Land und aus der Luft. Zudem wird auch noch clever über verschiedene Zeitspannen erzählt – mit der Spitfire ist man schneller über den Ärmelkanal als mit einem Motorboot.
Der Regisseur von „Dunkirk“ heißt Christopher Nolan. Und das ist eine Überraschung. Nolan hat in seinem Actionthriller „Memento“ (2000) einen Jäger mit Gedächtnisverlust zum Gejagten gemacht, Heath Ledger in „The Dark Knight“ (2008) als Joker ein Denkmal gesetzt, in „Inception“ (2010) Träume kunstvoll verschachtelt und in „Interstellar“ (2014) Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ seine Ehrerbietung erwiesen. So viel historische Bodenhaftung hätten wir von dem 1970 in London geborenen Filmemacher nicht erwartet. Sollte ein Film, der sich von den Schrecken des Krieges faszinieren lässt, tatsächlich zugleich ein Antikriegsfilm sein können, dann kommt „Dunkirk“ diesem Anspruch ziemlich nahe.

Am Ende aber, wenn so viele Männer erschossen, ertrunken, von Granaten und Torpedos zerfetzt worden sind, kehrt auch Nolan in konventionelle dramaturgische Bahnen zurück und gibt dem großen Sterben einen Sinn. Anders als zum Beispiel bei „Im Westen nichts Neues“ (1930) steht hinter diesem Film kein pazifistischer Anspruch. Die geretteten Helden von Dünkirchen stoßen in England in einer Zeitung auf Worte von Premier Winston Churchill, der ihrem Einsatz die nötige historische Bedeutung gibt. Bis dahin hatten die erschöpften Männer noch gar nicht gewusst, dass sie Helden waren.
„Dunkirk“, Regie: Christopher Nolan, 107 Minuten, FSK 12 Cinemaxx

Das Wunder von Dünkirchen

Der Codename lautete „Operation Dynamo“, und dabei handelte es sich um die größte Evakuierungsaktion alliierter Soldaten im Zweiten Weltkrieg: Knapp 340.000 Männer des britischen Expeditionskorps sowie Teile der französischen Armee wurden aus dem eingekesselten Dünkirchen über den Ärmelkanal gerettet. Zuvor hatte die deutsche Wehrmacht den Gegner rund um die nordfranzösische Hafenstadt festgesetzt und nur wegen eines bis heute nicht restlos geklärten Haltebefehls Hitlers ihren Vormarsch zwischenzeitlich unterbrochen.
Die Situation der Soldaten an den Stränden schien aussichtslos, aber eine Kapitulation kam für Englands Premierminister Winston Churchill nicht infrage. Alles, was schwimmen konnte, wurde den Eingeschlossenen zu Hilfe geschickt – Handelsschiffe, Fähren, Ausflugsdampfer, sogar Ruderboote, insgesamt rund 900 Transportmittel. Die Royal Air Force gab, so gut es ging, Rückendeckung. Zwischen dem 26. Mai und dem 4. Juni wurden die Eingekesselten aus der tödlichen Falle herausgeholt. Den Großteil ihrer Ausrüstung mussten sie dabei zurücklassen. Hinterher sprach man vom „Wunder von Dünkirchen“.

Ein Märchen von Vollgas und Musik

„Baby Driver“

Von Matthias Halbig

Der neue Film von Edgar Wright ist schnittig wie ein gutes Popstück und heißt auch so: „Baby Driver“. Es ist derjenige Song im Repertoire des Folkpopduos Simon & Garfunkel, der sich am ehesten nach klassischem Rock ’n’ Roll anhört, nach der Musik, die Paul Simon und Arthur Garfunkel machten, als sie sich noch nach den Zeichentrickfiguren Tom und Jerry nannten. Das Lied erzählt die Geschichte eines Mannes, der „mit Musik im Ohr“ geboren wurde und den man – hat er erst mal vier Reifen unterm Hintern – nur noch von hinten sieht.

Haargenau so einen Typ spielt Ansel Elgort („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“). Musik hat dieser junge Mann, der auf den seltsamen Namen Baby hört, seit einem schweren Unfall  im Ohr. Sie übertönt seinen Tinnitus, aber er gibt sich ihr komplett hin, löst sich tanzend in ihr auf, wird zu Rhythmus und Melodie.  Wonnig, wie er zu Bob & Earls „Harlem Shuffle“ durch Atlantas Straßen swingt. Der herzensgute Baby ist durch nie ganz geklärte Umstände in die Schuld des Bankräubers Doc (Kevin Spacey) geraten. Wenn die anderen das nächste große Ding abziehen, wartet er hinterm Steuer des Fluchtwagens, lässt die Scheibenwischer rhythmisch flappen und trommelt Percussions auf Lenkrad und Fahrertür. Für jeden Tag und jede Stimmung hat Baby einen iPod.

Eines Tages sind er und Doc quitt. Da hat Baby sich gerade in die niedliche Deborah (Lily James) aus Bob’s Diner verliebt. Mit ihr will er durchbrennen, nach Westen, ins Glück. Doch dann kommt der im Kino unvermeidliche „letzte Job“. Bei diesem ist Bats (Jamie Foxx) an Bord, ein durchgeknallter Gangster, der für Kaugummis tötet. Vibrierend vor Mordlust lässt er Baby ausgerechnet Bob’s Diner ansteuern, wo Debbie nicht nur erfährt, welche Art von Chauffeur ihr Liebster ist, sondern auch in höchste Lebensgefahr gerät.

Die Autoszenen hier sind spektakulär. Ein Subaru ist nicht gerade das, was man einen „Schlitten“ nennt, aber Baby fährt ihn wie einen, und obwohl er zwischenzeitlich eine Unzahl Streifenwagen am Kofferraum kleben hat wie einst Jake und Elwood in „Blues Brothers“, schlittert er denen doch immer wieder um Haaresbreite davon. Baby ist eins mit Kupplung, Gaspedal und Bremse, und weil seine Moves in vollkommenem Einklang mit der Musik stehen, ist die Action in diesem romantischen Räubermärchen rasanter und beeindruckender als selbst die verwegensten Stunts der „Fast & Furious“-Streifen.

Sogar wenn die Schnellfeuergewehre hier Blei spucken, klingen ihre Schüsse wie Beats. Edgar Wright, Regisseur von „Shaun of the Dead“ und „Hot Fuzz“, hat den Film geschrieben und gedreht, den Blockbuster-Macher mit 200 Millionen Dollar nicht so wunderbar hinkriegen, einen perfekten Mix aus Sound, Story und Timing. Und wenn der Baby Driver nicht irgendwann gestorben ist, dann ist er unterwegs nach Westen, ins Glück.  
„Baby Driver“, Regie: Edgar Wright, 112 Minuten, FSK 16 Cinemaxx

Abrechnung mit dem Establishment

„The Party“

Von Martin Schwickert

Die Tür öffnet sich. Eine sichtlich derangierte Kristin Scott Thomas richtet eine Pistole aufs Publikum. Von der ersten Sekunde an macht Sally Potter in ihrer bissigen Satire „The Party“ klar, dass keine Gefangenen gemacht werden. Dann spult der Film zurück auf Anfang. Janet (Scott Thomas) hat Grund zu feiern: Sie hat es als Gesundheitsministerin ins britische Schattenkabinett geschafft.

Im engsten Freundeskreis ist eine Party anberaumt. Nach und nach treffen die Zynikerin April ein,  ihr zukünftiger Ex-Lebensgefährte Gottfried (Bruno Ganz) und Universitätsprofessorin Martha  mit ihrer jüngeren Frau Jinny ein, die dank der Segnungen der In-vitro-Fertilisation schwanger ist. Im Wohnzimmer sitzt Janets Ehemann Bill (Timothy Spall) und zeigt wenig Aktivität. Aber dann sprengen seine Geständnisse das selbstgefällige Partygeschehen.

Kompakt erzählt und in stilvollem Schwarz-Weiß entwirft die Britin Sally Potter („Orlando“) eine ätzende Satire auf das linke Establishment. Während der Parlamentswahl geschrieben und im Zuge des Brexit-Votums gedreht, verweist sie subtil auf demokratische Erosionsprozesse.
„The Party“, Regie: Sally Potter,  71 Minuten, FSK 12 Cinemaxx

Turbulent mit großem Herz

"Zum Verwechseln ähnlich"

Paul und Sali haben ihre Wurzeln im Senegal und wohnen in Paris, wo sie einen Blumenladen betreiben. Es gelingt ihnen dort sogar, ihre in Afrika lebenden Familien glücklich zu machen, indem sie die Traditionen der Heimat wahren. Seit Jahren bereits versuchen Paul und Sali, ein Kind zu adoptieren - die Freude ist also groß, als ihnen mit dem kleinen Benjamin vom Amt ein Baby angeboten wird. Der süße Kleine hat die beiden Adoptiveltern im Nu verzückt, die sich auch schnell keine Gedanken mehr wegen Benjamins weißer Hautfarbe machen. Im 21. Jahrhundert sollte ein schwarzes Pariser Paar keine Problem bekommen, wenn es ein weißes Kind hat, oder? Doch Madame Mallet vom Amt für Familienzusammenführung sieht das anders. Auch beim Kinderarzt, auf dem Spielplatz und in den Augen der Großeltern Mamita und Ousmane ist die Farbkombination sehr wohl problematisch...

"Zum Verwechseln ähnlich" ist turbulentes und mit großem Herz erzähltes Komödienkino in bester französischer Tradition. Der Film ist ein gerissener Schlagabtausch zwischen den menschlichen Licht- und Schattenseiten unserer Zeit, der amüsiert, glücklich macht und aus dem großen bunten Familienalbum des französischen Kinos schon jetzt nicht mehr wegzudenken ist.

"Zum Verwechseln ähnlich", Regie Lucien Jean-Baptiste, FSK 12, Lumiere

Glücksfantasien in Shopping-Malls

"Die Farbe der Sehnsucht"

Die Farbe der Sehnsucht beginnt mit einem Schmetterling, den sich Layla tätowieren lassen möchte. Sie spricht nicht nur über diesen Wunsch, sondern auch von anderen kleinen und großen Träumen, die wohl nie für sie in Erfüllung gehen werden. Layla lebt als muslimische Frau in Doha, Katar - eine surreale Stadt zwischen Wüste und Meer, die Reichtum ausdünstet und die Glücksfantasien ihrer Bewohner in Shopping Malls manifestiert.

Die filmische Reise ist ein lose gesponnener Faden, der durch Katar, Portugal, Mexiko, Japan und Deutschland führt und acht Geschichten aneinander reiht: Über Heimat und die Kraft eines Tanzes aus den Kapverden in einem "Problemviertel" in Lissabon; über Obdachlose und eine Dichterin, die ihnen eine Stimme gibt in Osaka; über einen Taucher in Mexiko, der das Meer, seine Bewohner und die Einheit mit der Schöpfung liebt; über einen jungen Musiker aus München, der am Zustand der Welt schier verzweifelt.

Auf seiner Reise hat Thomas Riedelsheimer, immer die Frage im Blick, welche Farbe die Sehnsucht besitzt. Mit wunderbaren Bildern, durch Musik und Gedichte und in berührenden Geschichten über Liebe, Heimat, Hoffnung, Natur und Freiheit erzählt er von der Tragik und der Freude, Mensch zu sein.

"Die Farbe der Sehnsucht", Regie: Thomas Riedelsheimer, Lumiere

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