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Klarinettist Giora Feidman und das Gershwin-Quartett in Göttingen

Klassische Musik Klarinettist Giora Feidman und das Gershwin-Quartett in Göttingen

Kalt und zugig ist es in der Johanniskirche in Göttingen, an einigen Plätzen sieht man Wärmflaschen liegen. Auch, dass sich mehr als 600 Menschen auf den Bänken und teilweise auf Klappstühlen drängeln, um Giora Feidman und das Gershwin-Quartett zu hören, erhöht die Temperatur nicht wirklich. Bis das Konzert beginnt.

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Ein Musiker, der den großen Auftritt kennt: der Klarinettist Giora Feidman.

Quelle: Theodoro da Silva

Feidman, geboren 1936 in Argentinien als Sohn bessarabische Juden, hat schon öfters an Filmen („Jenseits der Stille“, Schindlers Liste“) und auf der Theaterbühne mitgewirkt. Er kennt den großen Auftritt, weiß um die Wirkung von Musik – und nutz dies, ohne dass es routiniert wirkt. Anfangs steht das Streich-Quartett allein vor den Zuhörern, spielt „Lullaby“ von George Gershwin, dann erklingt leise eine Klarinette, wird immer lauter, während Feidman den Mittelgang der Kirche von hinten nach vorne durchschreitet, mitten durch die Zuschauerreihen. Geht er an einem vorbei, ist das kurze, heftige Luftholen des Klarinettisten zu hören. Dadurch wirkt das Spiel nicht weniger schön, sondern um ein vielfaches authentischer.

Sein Auftritt mit dem russischen Streichquartett unter Leitung von Michel Gershwin, daher der Name, ist ein gelungenes Aufeinandertreffen von klassischer Musik mit Volksweisen. Feidmans Klarinette mag den Wettstreit unter den Instrumenten. Mal kreischt sie, dann flüstert sie, schlängelt sich um die Töne des Quartetts, streitet um die musikalische Führung, wispert dann nur noch und wird unmittelbar wieder ohrenbetäubend laut.

Dabei geht das Quartett jedoch keineswegs unter neben der oft tonangebenden Klarinette: Ein jeder bekommt sein Solo, wird dabei von Feidman wohlwollend angelächelt. Er ist der Star, doch das scheint die anderen Musiker nicht zu stören. Es wird viel gelächelt auf der Bühne.
Die gespielten Stücke – unter anderem stehen George Gershwin, Peter Breiner, Ora Bat Chaim und Boris Pigovat auf dem Programm– gehen beim Spielen in einander über. Markiert wird das Ende jeden Stückes von der Klarinette des 73-Jährigen, die dann, einem Signalhorn ähnlich, laut aufspielt. Aber eigentlich ist es fast egal, was gespielt wird, denn es geht mehr um die Töne und wie sie berühren. Immer wieder folgt der Musik lang anhaltender Applaus.

Zwischendurch spricht Feidman in einem Mischmasch deutsch-englischer Worte mit den Zuschauern, erzählt von der Kraft der Musik: „Die Sprache der Musik will say everything.“ Aussöhnung und Friede sind ihm ein großes Anliegen, als Zugabe zu Pause spielen die fünf Musiker eine „lecker, lecker Melodie“, zusammengemixt aus der deutschen, der israelischen und der Hymne der palästinensischen Autonomiegebiete. Das könnte kitschig wirken, tut es aber nicht, sondern berührt. „I feel home in Deutschland“, sagt er. Und das glaubt man ihm.
Als Feidman die Zuschauer am Ende des Konzerts zum Singen des Liedes „Donna, Donna“ animiert, lächelt er breit. „Und noch einmal, und jetzt nochmal“, sagt er immer wieder. 600 Menschen singen, summen, immer leiser werden die Musiker, die langsam von der Bühne gehen. Stille in der ganzen Kirche und Gänsehaut bei vielen – doch nun nicht mehr wegen der Kälte.

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