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Kleine Schauspieler zwischen großen Videowänden

Saisonstart im Deutschen Theater Kleine Schauspieler zwischen großen Videowänden

Was unternehmen wir denn heute Abend? Ins Theater? Oder doch lieber vor den Fernseher? Diese Entscheidung nimmt einem das Deutsche Theater (DT) Göttingen zum Saisonauftakt ab. Ein Besuch der Inszenierung „Wildente 2.0“, die am Sonnabend in der Inszenierung von Intendant Mark Zurmühle Premiere hatte, ermöglicht Fernsehen und Theater – nicht unbedingt zum Wohle des Theaters.

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Emotionen transportiert: Gina Ekdal (Andrea Strube) und ihr Ehemann Hjalmar (Wojo van Brouwer) setzen sich auseinander.

Quelle: Müller

Der Norweger Henrik Ibsen, der Jahre seines Lebens außerhalb seines Heimatlandes verbrachte, schrieb „Die Wildente“ 1884, 1885 wurde das Stück uraufgeführt. Die Kritiken waren verhalten, heute gilt es als eines des bedeutendsten Ibsen-Werke. Der Zusatz „2.0“ der Göttinger Produktion soll gleich deutlich machen: Hier geht es mit historischem Material ums Heute. Eine wenig originelle und inzwischen reichlich angestaubte Idee. Im Mittelpunkt stehen zwei Familien, deren Schicksale miteinander verstrickt sind. Ob durch Untreue und Lügen oder durch gemeinsame Wegstrecken mit Hochs und Tiefs, lässt Ibsen offen. Doch den Verdacht, es könne sich um Verschwörung und Rache handeln, zieht das TV-geschulte Gehirn heute mindestens so gerne vor wie die fernsehfreie Gesellschaft zur Zeit Ibsens. Wenn Programm­macher mit billigen Realityserien und jämmerlich nachgestellten Gerichtsverhandlungen Einschaltquote machen, kann das Leben nur schlecht sein. Eben auf diesen TV-Unfug zielt Zurmühles Inszenierung, für die er eigens die Weimarer Videokünstler Timm Burkhardt und Julian Hetzel engagierte Sie wollten „möglichst viel live auf der Bühne arbeiten“, hatten sie im Vorfeld erklärt. Und das ist eines der Probleme der Inszenierung.

Auf der Rückwand der Bühne ist eine Projektionsfläche, rechts und links laufen Videosequenzen, alles groß dimensioniert – so groß, dass die Schauspieler dazwischen immer kleiner werden. In der Projektion der Spielergesichter sehen die Zuschauer jede Regung, warum also sollen sie sich die weit entfernten lebenden Akteure anschauen. Und ständig hat man das Gefühl, etwas zu verpassen. Dabei sind die zwischenmenschlichen Konstellationen in Ibsens Geschichte hoch spannend. Gregers, Sohn des Grubenbesitzers Werle und lange Zeit fort von zu Hause, und Hjalmar waren Freunde, doch sie haben sich aus den Augen verloren. Jetzt treffen sie sich wieder im Hause der Werles. Im Gespräch stellt sich heraus, dass Hjalmar von Gregers’ Vater alimentiert wird. Er hat ihm ein Fotostudio eingerichtet, unterstützt dessen Vater, den alten Ekdal, finanziell und hat ihm auch noch eine Braut zugeführt: Gina, das ehemalige Hausmädchen der Werles, mit der der Hausherr ein Verhältnis hatte. Stammt also Hedwig, die Tochter von Hjalmar und Gina womöglich vom alten Werle? Gregers fasst den fatalen Plan, die Lüge aufzudecken, auf der er das Leben seines Freundes aufgebaut wähnt. „Denn jetzt sehe ich endlich eine Aufgabe vor mir, für die es sich zu leben lohnt“, meint der Wahrheitsfanatiker. Doch die Familie zerbricht, die Tochter bringt sich um. Ein grausamer Preis für Wahrhaftigkeit.

Eleonore Bircher hat für diese Gemengelage eine Bühne eingerichtet, die keine ist. Ein paar dürre Stämmchen hat sie aufgestellt, ein bisschen Tisch und Stuhl und eine Art Modelleisenbahn-Landschaft. Das ist der Dachboden, den die Ekdals mit etwas Wald und armseligem Getier zum Jagdrevier ausstaffierten. Ein Bild ergibt Birchers Entwurf nicht, er bleibt amorph. Doch was hätte sie auch tun sollen gegen die Übermacht der Projektionen. Das Ensemble müht sich inmitten von Dachboden-Gerümpel und Leinwand redlich, die Charaktere zu zeichnen. Doch der eine oder andere hängt schlicht in der Luft. Ganz stark spielt Wojo van Brouwer, seit dieser Spielzeit neu im DT-Ensemble, den eher phlegmatischen Hjalmar, der seine Familie seinem Stolz opfert, den er doch gar nicht besitzt. Alois Reinhardt ist der von seinen Idealen getriebene Gregers, der kein Erbarmen kennt. Eve Kolb, ebenfalls neu am DT, kämpft arg zappelig um ihre Rolle als 14-jährigen Tochter Hedwig. Hier wäre weniger mehr gewesen. Viel zu kurz kommen Paul Wenning als Grubenbesitzer Werle, Marie-Isabel Walke als Hausdame Frau Sörby, die den alten Werle heiratet, eine Ehe, die tatsächlich auf Wahrhaftigkeit gründet, weil beide sich alles voneinander erzählt haben. Und Paul Enke, weiteres frisches Ensemble-Mitglied, spielt den Arzt Relling und scheint schlicht vom Regisseur allein gelassen worden zu sein. Ein Fremdkörper wie vieles in dieser Inszenierung. Nach rund 100 Minuten würdigte das Publikum Regie und Ensemble allenfalls freundlich, keinesfalls begeistert.

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