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Kleists Penthesilea im Staatstheater Kassel inszeniert von Sebastian Schug

Stinknormale Streitigkeiten Kleists Penthesilea im Staatstheater Kassel inszeniert von Sebastian Schug

Griechenland als Wiege der Demokratie, die Schönheit der Proportionen in den Tempeln, das edle Menschenbild in der Bildhauerei: Idealbilder, die auf Goethes Bild von der Antike beruhen, an dem Winckelmann mitgewerkelt hat. Doch Heinrich von Kleist sah diese Zeit anders. Nicht mehr klassisch und schön, vielmehr schrecklich, pathologisch, ja psychopathisch.

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Eindrucksvoll:  Artur Spannagel als Achill und Eva Maria Sommersberg als Penthesilea.

Quelle: Klinger

Kassel. Sein 1808 entstandenes Trauerspiel „Penthe­silea“, das jetzt am Schauspielhaus in Kassel Premiere hatte, hat mit den Winckelmannschen Begriffen von „edler Einfalt“ und „stiller Größe“ nichts zu tun.

Inhaltlich hält Kleist zwar extremen Oppositionskurs gegen Goethe. Doch rein äußerlich  ist seine „Penthesilea“ ein klassisches Drama in Blankversen, darin Goethes Iphigenie eng verwandt. Dieser Eindruck entsteht freilich nur, wenn man sich vom geschliffenen Glanz der Worte blenden lässt und dem Inhalt nicht weiter nachsinnt. Das kann in Kassel nicht passieren. Denn Regisseur Sebastian Schug lässt seine Protagonisten, abgesehen von ein paar (überdeutlich) modernisierenden Einsprengseln, Kleists hochartifizielle Sprache auf alltägliche Weise sprechen. Hehre Auseinandersetzungen werden zu stinknormalen Streitigkeiten, Achills Annäherungsversuche an Penthesilea zu gewöhnlichen Flirts.
Dadurch treten manche Ungeheuerlichkeiten der Handlung – in der Kleist in vielen Zügen sehr genau der griechischen Mythologie folgt – besonders krass hervor. Anderenorts entlarvt der saloppe Umgang mit dem Gesprochenen auch die eine oder andere unfreiwillige Komik des Textes, was das befreiende Mitlachen erleichtert. Schugs Ansatz ist konsequent – allerdings bestimmt nicht der einzige Weg, das veredelnde Pathos aufzubrechen.  

Am Ende bricht die Katastrophe – von der nach antikem Vorbild immer nur als Gesehenes berichtet wird, ohne sie auf der Bühne darzustellen – mit voller Wucht herein. Penthesilea martert Achill, den sie liebt und der sie liebt, gemeinsam mit der Hundemeute bestialisch zu Tode. Ungläubig nimmt sie das blutige Ergebnis ihrer Raserei in Augenschein, realisiert erst nach und nach, was sie tat, und stirbt. Zwei nackte Leichen auf der ansonsten angemessen kargen Bühne (Christian Kiehl) sind das Schlussbild. Wobei hier die Nacktheit sehr konsequent das Ende markiert und nicht auf geheime Voyeurfreuden zielt.

Eva Maria Sommersberg in der Titelrolle gelingt der Spagat zwischen Alltäglichkeit, sprachlicher Überhöhung und archaischer Brutalität vielerorts eindrucksvoll. Nur hier und da ist sie ein wenig überfordert – was angesichts der gewaltigen tragischen Fallhöhe nicht verwundert. Artur Spannagel ist ein ausgesprochen smarter Achill. Mit seiner Vorstellung von der Rolle der Frau in der Gesellschaft wollen freilich die merkwürdigen Gebräuche dieser militanten Amazonen – sie bringen Männer um, sie reißen sich die rechte Brust ab, um besser den Bogen spannen zu können – nicht recht zusammenpassen. Wen wundert’s? Mit viel Farbe und Kontur stattet Caroline Dietrich die Rolle der Prothoe aus. Oberpriesterin (Alina Rank), Odysseus (Bernd Hölscher) und der Hauptmann (Christian Ehrich) bleiben Randfiguren. Musiker Johannes Winde erschafft mit kleinem Aufwand viel Atmosphäre. Kein begeisterter, aber freundlicher Beifall im gut besuchten Haus.

 Termine: 19., 21. Februar, 5., 13., 14., 27. März um 19.30 Uhr im Kasseler Schauspielhaus, Friedrichsplatz 15. Karten unter Telefon 05 61 / 10 94-222.

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