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Aus der Vergessenheit geholt

Komponistinnen aus drei Jahrhunderten im Clavier-Salon Aus der Vergessenheit geholt

Sie sind zumeist kaum bekannt. Aber es gibt auch einige Komponistinnen, die bedeutende Klavierwerke geschaffen haben. Hochtalentierte Studierende der Klavierklasse von Prof. Gerrit Zitterbart an der Musikhochschule Hannover haben „Komponistinnen aus drei Jahrhunderten“ im Clavier-Salon vorgestellt.

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Quelle: Richter

Göttingen. Komponieren scheint eine Domäne von Männern zu sein. Aber der Schein trügt. Wie die Musikstudenten am Sonntag belegten, gibt es zahlreiche Komponistinnen, die kaum bekannt sind, die aber doch bedeutende Klavierwerke geschaffen haben. Diese wurden aus der Vergessenheit geholt und den rund 25 Gästen vorgetragen.

Vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht die Auswahl. Jedem Musikstück vorangestellt gibt es eine kurze Einführung zu Leben und Werk. Dazu unterstreicht der Wechsel an den Instrumenten die Vielfalt und Bandbreite.

Mit dem Walzer Valse Brilliant op.48 von Louise Farrenc eröffnet Giran Jung.

Die französische Pianistin, Komponistin, Professorin für Klavier sowie Zeitgenossin von Schumann und Chopin habe „einen eigenen klassisch-romantischen Kompositionsstil entwickelt, dem man ihre Liebe und profunde Kenntnis der Musik Haydns, Mozarts und Beethovens anhört und der auch von ihrer Erforschung der Alten Musik beeinflusst ist“. Mal zart verspielt, mal druckvoll präsent lässt Jung akzentuiert den kokett hüpfenden Walzer in vollem Klang schwelgen.

Weiter geht es mit der österreichischen Pianistin, Sängerin und Komponistin Maria Theresia von Paradis (1759-1824), die seit früher Kindheit blind war. Im Wiener Musikleben sehr prominent und mit bedeutenden Vertretern der Wiener Klassik wie Haydn und Mozart bekannt, ging die Musikerin auf eine mehrjährige Europatournee, wo sie auch vor Königen spielte. Das kompositorische Werk (Opern, Singspiele, Klavierkonzerte) sei bislang wenig erforscht. Berit Coenders (Violine) und Lanxi He (Klavier) lassen „Sicilienne“ in hoffnungsvoller Traurigkeit schwebend erklingen.

Elegant im Vortrag präsentiert Lanxi He danach die Sonate Nr. 2 A-dur von

Marianna Martinez, geradlinig treibend und zunehmend berührend. Als 17-Jährige trat Martinez, die auch von Joseph Haydn unterrichtet wurde, erstmals als Komponistin auf. Eine ihrer Messe fand allgemeine Anerkennung. Ihre Klaviersonaten in E-Dur und A-Dur wurden 1760 in einer Anthologie des Musikverlegers Johann Ulrich Hafner veröffentlicht. Dies galt als bedeutender Qualitätsbeweis.

Verträumt, perlend, tief tönend: Einen Sprung in moderne Klangwelten unternimmt Juhyeon Lee mit „d ́un jardin clair“ von Lili Boulanger (1893-1918). Diese fasste im Alter von sechzehn Jahren den Entschluss, Komponistin zu werden und, wie zuvor ihr Vater Ernest, den Grand Prix de Rome zu gewinnen. Es gelang ihr 1913, als erste Frau überhaupt.

Das „Lied ohne Worte“ von Delphine von Schauroth bringt Zitterbart, eine Studierende vertretend, zu Gehör. Die „bildhübsche Frau und hervorragende Pianistin“ sei einst von Felix Mendelssohn Bartholdy „sehr angebetet“ worden. Als eine der wichtigen Namensgeberin der Musikgeschichte der Romantik habe sie als Erste den Begriff „Lied ohne Worte“ erfunden.

Voller Hingabe, körperlich betont und mit sprechender Mimik spielt Richard Schwennicke den „Juli“ aus dem Jahreszyklus von Fanny Mendelssohn-Hensel „Juli” (aus dem Zyklus „Das Jahr”), der älteren und „nicht weniger begabten Schwester“ des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Und prominent geht es weiter mit Clara Schumann, die bei ihrer ersten Veröffentlichung als Komponistin zehn, elf Jahre alt war. Souverän präsentiert Qian Huang die selbstbewusste Prélude Nr 2.

Sich gegenseitig in den Klangfarben ihrer Instrumente unterstreichend, tragen Berit Coenders (Violine) und Alvyda Zdanevičiūtėie die Musikstücke „Romance & Bohemienne“ (Aus six morceaux) der Komponistin, Pianistin und Opernsängerin Pauline Viardot vor. Einst von Franz Liszt unterrichtet, studierte sie Komposition bei Anton Reicha, der auch der Lehrer von Liszt und Hector Berlioz war.

Konzentriert und mit großer Klarheit berührt Anna Katharina Schilling mit der „Solitude op.127“ von Cecille Chaminade (1857-1944). Diese spielte im Kindesalter Georges Bizet eigene Werke vor, der von ihrem Talent sehr beeindruckt war und sie „mein kleiner Mozart“ nannte. Sie schrieb hauptsächlich Charakterstücke für Klavier und Salonlieder, insgesamt an die 400 Werke.

Vielschichtig perlend und fantasievoll präsentiert Kaja Nieland das um 1925 komponierte „Melisande“ von Mel Bonis. Die familiären Verpflichtungen erlaubten es der Mutter von vier Kindern, die am Pariser Konservatorium studierte, wo Claude Debussy zu ihren Studienkollegen gehörte, erst ab etwa 1900, sich verstärkt „ihrer eigentlichen Leidenschaft“ zuzuwenden. Ihr Werk umfasst etwa 300 Kompositionen.

Anspruchsvoll, dramatisch, atemberaubend: Einen bemerkenswerten Schlusspunkt setzt Chantelle Nassiopulos mit „Préludes Nr.10-12“ von Lera Auerbach. Die in den USA lebende, 1973 in Russland geborene Komponistin und Pianistin hat ihr Konzertexamen an der Musikhochschule Hannover abgelegt. „Ihr Stil ist ganz speziell.“ Traditionelle mit modernen Elementen verbindet, versuche sie, dem Klavier ganz besondere Klangfarben zu entlocken. Mit einem Klangerlebnis endet das Récital, in dem junge Talente ihre Zuhörer wenig bekannte Komponistinnen entdecken ließen. kah

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