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Orientierung im herbstlichen Bücherwald

Literaturherbst: Denis Scheck Orientierung im herbstlichen Bücherwald

Bei 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr kann einem die Orientierung schon abhanden kommen. Zum Glück gibt es Denis Scheck, der Orientierung im Bücherwald verspricht. Der bekannte Literaturkritiker und Moderator von „Druckfrisch“ war am Sonntag im Rahmen des Literaturherbstes zu Gast im Deutschen Theater.

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Denis Scheck

Quelle: SPF

Göttingen. Zu Beginn des Abends wird das Pferd mit „Büchern, von denen ich ihnen abraten möchte“ dann von hinten aufgezäumt. Zum berühmt - berüchtigten Bücherwurf holt Scheck wenig überraschend bei Daniela Katzenberges „Eine Tussi sagt Ja!“ aus. „Vulgäre Dreistheit“ nennt er es, dass die als Katze bekannte Tussi nur um sich kreise und für sie Biedermeiersträuße, Shakespeare und Hemingway ein und dieselbe Kategorie bildeten. Auch Carsten Maschmeyers „Die Millionärsformel“ wird Opfer der Schwerkraft, denn wer glaube wirklich, dass die allein darin bestehe reich werden zu wollen?

Laut Scheck seien es weder die Bestsellerlisten, noch die großen Literaturpreise, die als Orientierungssystem taugten. Da wundert es nicht, dass er den Literaturpreis für Bob Dylan als „kategoriales Missverständnis“ wertet und hinzufügt: „Wie muss sich Philip Roth an diesem Abend gefühlt haben?“.

Die deutlichste und wohl auch überraschendste Absage an diesem Abend erhält aber Bodo Kirchhoffs Novelle „Widerfahrnis“, die gerade mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Die Geschichte über zwei resignierte Protagonisten die gemeinsam nach Italien aufbrechen und eine späte Liebe erfahren sei beispielhaft für eine Haltung in der Literatur, die die Vergangenheit verkläre und ihn einfach nerve. Preise seien doch nur dazu da, um die Verkaufszahlen zu steigern und könnten der Vielfältigkeit der Literatur nie gerecht werden.

Nachdem er die bekannten Orientierungsstrategien im wahrsten Sinne sehr unterhaltsam verworfen hatte, war der Boden für seine Lieblinge bereitet, so der Plan. Leider versank nicht nur Scheck immer mehr hinter Bücherstapeln, auch fiel die Essenz der Auslese der Menge an Titeln zum Opfer. Bei diesem Willen zur Quantität konnten die Titel oft nur oberflächlich besprochen werden. Eine wichtige These des Abends war, das neben Eros und Thanatos das Geld das dritte große Thema der Weltliteratur sei, wunderbar abgebildet in „Das Nest“ von Cynthia D'Aprix Sweeney und dass sich in nur zwei bis drei Minuten Lyrik am Tag der Blick und die Perspektive auf die Welt öffne, was Scheck an Marcel Beyers Gedicht „Raps“ veranschaulicht.

Dass der so nett wirkende Kritiker ganz schön giftig sein kann, zeigten die zahlreichen verbalen Seitenhiebe gegen den Mitherausgeber der FAZ, Jürgen Kaube. Der hatte dem mit dem Autor Christian Kracht befreundeten Scheck unter anderem vorgeworfen, dass auch an diesem Abend hoch gelobte Buch „Die Toten“ vor allem als Freundschaftsdienst gut rezensiert zu haben. Und wie sollen wir Leser uns denn nun orientieren, Herr Scheck? Autonome Leser sollen wir werden und das Bauchgefühl sprechen lassen. So einfach und so schwer ist das bei der Anzahl der abendlichen Auslese wohl auch.

Von Marie Varela

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