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Vier Frauen, vier Männer, ein Terrarium

Kultursommer: Ulrike C. Tscharre Vier Frauen, vier Männer, ein Terrarium

Sie hat in zahlreichen TV- und Spielfilmproduktionen wie dem Dominik-Graf-Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ und der Lindenstraße mitgespielt. Am Freitag hat die bekannte Schaupielerin Ulrike C. Tscharre beim Göttinger Kultursommer aus T.C. Boyles Roman „Die Terranauten“ gelesen.

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Ulrike C. Tscharre liest im Alten Rathaus.

Quelle: Mischke

Göttingen. Unter großem Applaus betritt die vielbeschäftigte Schauspielerin lächelnd die Bühne im Alten Rathaus. „Das ist hier meine persönliche Göttingen-Premiere“, sagt Ulrike C. Tscharre und schlägt auch sofort die Buchdeckel auf. Sie nimmt das Publikum mit hinein in die Geschichte, die auf einem wahren Experiment basiert. T.C. Boyles neuer Roman erzählt von dem   halsbrecherischen Versuch, eine neue Welt zu erschaffen.

Wie eine Reality-Show

In einem geschlossenen Ökosystem unternehmen Wissenschaftler in den 90er-Jahren in den USA den Versuch, das Leben nachzubilden. Zwei Jahre lang darf keiner der acht Bewohner die Glaskuppel von „Ecosphere 2“ verlassen. Egal, was passiert. Touristen drängen sich um das Megaterrarium, Fernsehteams filmen, als sei es eine Reality-Show.

Vier Frauen, vier Männer, zwei Jahre in einem riesigen Terrarium. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, was in dieser geschlossenen Sphäre wohl passieren mag. Eitelkeit, Missgunst, Rivalität – auch in der schönen neuen Welt bleibt der Mensch eben letztlich doch, was er ist. Es kommt, wie es kommen muss: Der smarte Ramsay verliebt sich in die hübsche Dawn – und sie wird schwanger. T.C. Boyle berührt die großen Fragen der Menschheit und er entlarvt dabei. Sozialkritisch wie immer und mit der Fantasie eines genauen Beobachters legt der Bestsellerautor den Finger in die Wunden.

Wechselnde Perspektiven

Aus wechselnden Perspektiven wird die Geschichte in verschiedenen Episoden von den acht Protagonisten erzählt. Eine Biosphäre, die sich nicht dem Schaffenswillen des Menschen unterwerfen will, ist ihr Lebensraum. Insekten, die sich unkontrolliert vermehren, Affen, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Die künstlich geschaffene Natur zeigt dem Menschen seine Grenzen auf. Und ein Stromausfall, verursacht durch einen Unfall außerhalb des Terrariums, besorgt, zumindest vorübergehend, den Rest.

Die Terranauten sind damit beschäftigt, für Nahrung und die Erhaltung der Lebenswelt zu sorgen. Aber neben den Aufgaben und Funktionen gibt es auch die menschlichen Momente und Begegnungen. Gerade wenn Alkohol, ein hochprozentiges Gebräu aus Bananen, getrunken wird oder Baden am eigenen Strand angesagt ist und Sexualität ins Spiel kommt, rotiert das soziale Miteinander.

Tscharre nimmt sich zurück

Tscharre nimmt sich ganz zurück. Mit sympathischer, heller Stimme, deren kleine silbrig-brüchigen Momente eine tiefere persönliche Dimension nur erahnen lassen, lässt sie Boyles spannende und spannungsreiche Erzählwelt einfach für sich sprechen. Genau das, was Tscharre an Boyle so schätzt und wie sie auf Tageblatt-Nachfrage kurz verrät, dass er „eine ganz tolle Beobachtungsgabe hat, sehr fein und genau im Detail“ erzählt, nimmt auch den Zuhörer ein.

Die abgewinkelten Arme an den Körper gezogen, das Buch mit beiden Händen fassend, die Füße parallel nebeneinander, bleibt Tscharre während der 80-minütigen Lesung sehr verhalten. Während der ersten Viertelstunde blickt sie nahezu gar nicht vom Buch auf. Danach, als das Zwischenmenschliche im Roman zunehmend Fahrt aufnimmt, wird die Schauspielerin, die auch als Sprecherin bei Hörspiel- und Hörbuchproduktionen arbeitet, etwas lebendiger. Die Mimik wird stärker, die Stimme facettenreicher. Doch ein Kontakt zum Publikum im nahezu voll besetzten Saal will nicht so recht aufkommen. Tscharre bleibt ganz am Buch. Großer, freundlicher, aber auch verhaltener Applaus.

T. C. Boyle: "Die Terranauten". Hanser Verlag, , Hanser Verlag 2017, 608 Seiten, 26 Euro .

Von Karola Hoffmann

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