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Kunst von Matthies im Alten Rathaus

Ausstellung Kunst von Matthies im Alten Rathaus

Der Künstler Rupprecht Matthies arbeitet mit Wort und Schrift, mit Zeichen und Versprachlichung. Oft haben viele Menschen an seinen Projekten Teil, schreiben ein Wort auf, das dann als Schriftzug in farbigem Plexiglas ein Teil seiner Installationen wird. Der Kunstverein Göttingen zeigt Arbeiten aus den vergangenen 15 Jahren im Alten Rathaus. 

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Künstlerische Arbeit mit Wörten: Rupprecht Matthies in seiner Ausstellung.

Quelle: Heller

Das ist schön: Über den weidenden Heidschnucken ist oben vor dem Waldrand ein Schriftzug zu sehen, „ankommen“ steht da, in fetter, weißer Schreibschrift, ein wenig kantig, körperlich, unübersehbar. Am anderen Ende des Ortes in der Heide ein klein geschriebenes „bleiben“. Noch im Winter, wenn die Bäume kahl sind und das Land verschneit, hebt sich das plastische Wort ab, wirkt wie eine erfolglos einladende Verheißung. Es erinnert in seinem beiläufigen Abgestelltsein an die demontierten Leuchtreklamen verbrauchter Modehäuser oder, weil es dafür am falschen Platz ist, wie die Titelzeile eines längst vergessenen Zirkus- oder Festzeltunternehmens. 

Das ist in Neuenkirchen. In Göttingen heißt es „verzichten“. Die mannshohen gelben Lettern des Wortes ziehen sich vom Saal des Rathauses in den nebenliegenden Ausstellungsraum. Der performative Eingriff in die Landschaft bleibt hier beschränkt auf die Ausstellungsräume. Das ist in jedem Fall ein Verzicht, denn Rupprecht Matthies verfolgt in seinen Arbeiten oft einen Anspruch sozialer Interaktion. Er arbeitet mit Jugendlichen, mit Obdachlosen, sozialen Randgruppen oder mit dem ganz normalen „Mittelstand“, sagt er, auch wenn man an den am schlechtesten herankomme. 

In seinen Workshops geht es um Kommunikation, Annäherung, Versprachlichung. Am Ende hat jeder Teilnehmer ein Wort aufgeschrieben. Wie die Arbeit „Windwörter“. Entstanden mit Jugendlichen in Brandenburg, drehen sich von ihnen ausgewählte Worte auf hohen Stelen im Wind: „alles“, „locker“. Im Alten Rathaus sind die Ergebnisse eines Workshops mit dem Bundesverband der deutschen Industrie unter den Balken der hohen Decke zu sehen. Der Hamburger vergrößert die Schriftzüge in dem ihnen eigenen Duktus und wählt ein Material und auch eine Farbe für sie aus. Er schneidet sie aus farbigem Plexiglas aus und installiert sie wie Mobiles im Raum. Über die Farbe entscheidet er: Gelb für „Überleben“, bräunlich ist das „Geld“, rot die „Liebe“. 

Übrig gebliebene Worte

Fröhlich wirken die vielen bunten Buchstaben auch innerhalb der weiteren Arbeiten. Nachrichten aus dem Spamfilter, ganze Vorhänge farbiger Buchstaben, arabische Schriftzeichen und Worte, mit denen etwas nicht stimmt. Unterlegt mit einem riesigen Freude-Schriftzug finden sich hier die falsch geschriebenen, zerbrochenen oder übrig gebliebenen Worte. 

An mancher Stelle ist Malerei zu sehen: Bilder mit großen Farbflecken, „Blup“-Bilder, 17 in einem Raum, außerdem Schriftbilder mit Aussagen, die an Gunter Reski denken lassen, „Frust und Langeweile“. Stahlwörter, ein auseinander genommenes Skizzenbuch mit Notizen für einen Vortrag, eine Dokumentation und eine Videoarbeit beleuchten den Entstehungsprozess der Installationen und geben Auskunft.  

Matthies spielt mit diesem Konzept innerhalb der sprachphilosophischen und philosophischen Diskurse der vergangenen Zeit. Zeichen, Schrift, Sprache – spätestens seit dem Linguistic Turn sind dies oft bereiste Felder. Dass er darin eigene, neue oder zumindest interessante Spielregeln zu etablieren vermag, ist sicher nicht  möglich. Im musealen Zusammenhang einer Retrospektive fehlt zudem der Überschuss, den die Arbeiten in der Interaktion bieten.

Die Ausstellung von Rupprecht Matthies ist bis 17. Mai dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Alten Rathaus Göttingen, Markt 9, zu sehen.

                                                                                                                   Von Tina Lüers

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