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Im schöpferischen Winkel

Kunstverein zeigt Werke von Emil Cimiotti Im schöpferischen Winkel

Ein Tisch steht voll mit Farbtuben, an jeder vertikalen Fläche lehnen Rahmen, jeder Schritt erfordert Achtsamkeit: Im Atelier von Emil Cimiotti in Hedwigsburg ist seine Produktivität sofort zu erkennen. Eine Ausstellung des Kunstvereines Göttingen und des Vereins „Künstlerhaus mit Galerie“ zeigt seine letztjährigen Werke.

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Quelle: Jana Probst

Als Erstes fallen die Plastiken ins Auge. Auf hüfthohen Sockeln stehen sie über den ganzen Raum verteilt, in gußrauer Bronze, mal ausladend, mal klein und filigran. Seine Werke wurden bereits auf der Documenta II und III und zweimal auf der Biennale in Venedig ausgestellt, im August ist eine Auswahl von plastischen Arbeiten im Künstlerhaus zu sehen. Den Großteil der Ausstellung bilden aber die Reliefs, strenge, teilweise farbige Strukturen aus Papier, an denen Cimiotti seit 2014 arbeitet. „Ich habe ja immer viel gezeichnet, und da juckte es mir dann manchmal in den Fingern, wie bei der Plastik einmal zuzugreifen, und dem habe ich dann nachgegeben, als es so weit war, dass ich merkte, die Arbeit für die Bronze im Wachs, die ist anstrengend“, beschreibt er im Gespräch die Umstellung auf Papier.

„Grundsätzlich sind meine künstlerischen Anliegen, um das mal so zu nennen, die gleichen geblieben. Aber die Erscheinungsform, die passt sich natürlich dem veränderten Material an.“ Seine Herangehensweise an ein neues Werk hat sich aber wenig verändert: „Was ich genau will, erfahre ich erst beim Arbeiten, und das heißt, ich habe natürlich Vorstellungen, wie ich da rangehe, aber die werden beim Arbeiten durch das, was entsteht, korrigiert, verändert, und so bildet sich ganz langsam Etwas heraus.“ Diesen Prozess, erzählt Cimiotti, nannte sein Mentor Willi Baumeister den „schöpferischen Winkel“, die Abweichung zwischen dem, was beabsichtigt ist, und dem, was entsteht. „Wenn es das nicht gäbe, dieses immer in etwas Unerwartetes und Neues vorstoßen, dann würde ich längst nicht mehr arbeiten.“

Seine langjährige Karriere begann mit dem Studium in Stuttgart, Berlin und Paris, das Cimiotti 1949 begann. Aufgewachsen ist er in Göttingen, in sehr einfach Verhältnissen, „aus denen ich aber, glaube ich, etwas gemacht habe, denn als ich 35 war, da stand mein Name immerhin in jedem deutschsprachigen Lexikon“, sagt er selbst. „Meine Entwicklung war immer aus mir heraus.“ 1957 erhielt er den Kunstpreis „junger westen 57“, der durch die gleichnamige Künstlergruppe und die Stadt Recklinghausen vergeben wurde. Der Artikel eines Jurymitglieds für die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachte ihm den Durchbruch. „In dem Moment schlug das total um für mich. Die Sachen, die gestern noch verschrien waren, waren plötzlich up-to-date, im nächsten Jahr war ich auf der Biennale in Venedig“, erzählt Cimiotti.

Zu seiner Geburtsstadt hat der Künstler ein gutes Verhältnis: „Ich mag Göttingen sehr gern. Göttingen hat ja doch eigentlich einen klassizistischen Hintergrund, einen ganz schön noblen Hintergrund, und der hat mir immer eigentlich sehr gut gefallen“, sagt er. Fünf seiner Großplastiken sind Göttinger Stadtraum aufgestellt. Eine davon ist die „Vegetative Steele“ im Innenhof des Landkreisgebäudes an der Reinhäuser Landstraße, die aufgrund ihrer Form auch gerne einmal „Schaschlik“ genannt wurde. Andere werden allerdings nicht so gut behandelt: Zwei Plastiken, die in den 60er-Jahren vom Studentenwerk erworben wurden, sind an ihrem Aufstellungsort vor dem Studentenwohnheim im Rosenbachweg immer mehr von Büschen überwachsen.

Von Jana Probst

Die Ausstellung wird am Sonntag, 6. August, um 11.30 Uhr im Künstlerhaus, Gotmarstraße 1, eröffnet und ist bis Sonntag, 3. September, dienstags bis freitags von 16 bis 18 Uhr und sonnabends und sonntags von 11 bis 16 Uhr zu sehen. Am Sonntag, 13., 20. Und 27. August sind jeweils um 15 Uhr kostenlose Führungen geplant.

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