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Lachen über Adolf: „Heil Schicklgruber!“

Figurentheatertage Lachen über Adolf: „Heil Schicklgruber!“

Aus ihrem eingefallenen grauen Gesicht stieren riesige, schwarz umrandete Augen hervor, die bösartig funkeln. Die Puppe möchte nicht Hitler in „Schicklgruber alias Adolf Hitler“ spielen, die Figur sei anspruchslos, Joseph Goebbels sei psychisch und physisch viel interessanter.

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Anrührend und bezwingend naturhaft

Zwei, die zusammengehören: Adolf Hitler (vorne) und der Tod im gelben Gewand. Im Hintergrund Puppenspieler Neville Tranter.

Quelle: PH

Aber Tranter kennt kein Erbarmen, klebt ihr den Hitlerschnauzer an und schon hebt die Puppe ihren rechten Arm, ruft „Heil, Schicklgruber!“ und ist darüber selbst schockiert. Das Spiel kann beginnen.

Berlin, 20. April 1945, Hitlers 56. Geburtstag. Die Atmosphäre im Führerbunker ist düster, die Stimmung angespannt. Das Grollen der Panzer und Bomben ist im Hintergrund zu hören. Ist das schon die heranrollende russische Armee?

Neben dieser Sorge hat jede Figur ihre privaten Probleme. Goebbels, mit dürrem Gesicht, langer Nase und Gehstütze, beschwert sich über das Rauch- und Trinkverbot im Bunker und zieht sich heimlich mit Eva Braun auf eine Zigarette zurück. „Evi“ in ihrem schwarzen Hochzeitskleid, mit weißem Schleier und rotem Kussmund, schlurft einsam umher, sie will „Wolfi“ endlich heiraten und Kinder bekommen. Dieser wehrt sich aber gegen jede Zuneigung. Auch Hermann Göring hat seinen Auftritt. Eine große Puppe mit riesigem Bauch und Schweinenase rollt herein und trällert einen Song über seine Liebe zur Luftwaffe: „We will burn and kill and laugh and feel the freedom!“. Die Zuschauer lachen laut auf.

Zwischen all dem beherrscht das Thema Selbstmord – Zyankali oder Kopfschuss? – die Gespräche im Bunker. Der Tod schwebt umher in Form einer fröhlich lachenden Figur mit goldenen Zähnen und Federboa um den Hals. Ein sonderbares Szenario. Nach dem Selbstmord von „Evi“ und Goebbels führt er ein Gespräch mit Hitler alias Schicklgruber – der Name seines Vaters – über dessen Rede für den Friedensnobelpreis. Aber auch Schicklgrubers Zeit ist gekommen.

Die Bühnendekoration ist auf das Wesentliche beschränkt. Die Figuren, denen Tranter – der selbst als Hitlers Adjutant Linge in das Spiel involviert ist – auf grandiose Weise ein Eigenleben einhaucht, bestimmen das Stück. Es ist verrückt, grotesk, genial!

Bereits 1976 gründete Tranter sein Stuffed Puppet Theatre in seinem Geburtsland Australien. Zwei Jahre später ließ er sich in den Niederlanden nieder, wo er sein Puppentheater weiter entwickelte. Der schwarze Humor liegt ihm. Aber darf man über Hitler lachen? „Ja, natürlich“, erklärt Tranter, der auch für die Puppen, das Konzept und die Idee verantwortlich ist. „Die Situation ist absurd.“ Aber selbst in der absurdesten Situation gebe es Humor. Allerdings müsse der Humor wirklich gut sein. Das ist er auch, das Publikum ist begeistert.

Von Noreen Hirschfeld

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Es ist eines dieser Festivals, die aus dem kulturellen Leben Göttingens nicht wegzudenken sind. Bereits zum 26. Mal haben national und international renommierte Puppenspieler und Nachwuchskünstler gezeigt, was Figurentheater heute sein kann.

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