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Lesetipps vor Weihnachten

Von der Redaktion Lesetipps vor Weihnachten

Zahlreiche Bücher erreichen nach ihrem Erscheinen die Redaktion. Viele Kollegen lesen sich durch das Angebot, das auch durch den Göttinger Literaturherbst erweitert wird.

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Zahlreiche Bücher erreichen nach ihrem Erscheinen die Redaktion. Viele Kollegen lesen sich durch das Angebot, das auch durch den Göttinger Literaturherbst erweitert wird.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Hier geben sie nun Tipps für Buchgeschenke zu Weihnachten oder die richtige Lektüre für die Zeit zwischen den Jahren.

Griechen und ihre Familie

Unmittelbar auf das Inhaltsverzeichnis des Romans „Makarionissi“ folgt ein Stammbaum. Das ist auch gut so, den das Figurentableau, das die junge österreichische Autorin Vea Kaiser in ihrer Geschichte auflaufen lässt, ist umfangreich. Ganz am Anfang steht Yiayia Maria Kouzis. Sie begründet die Familie, die in diesem kleinen griechischen Bergdorf lebt, dort die Faschisten ertragen muss und den schleichenden Verfall.

Von hier aus ziehen ihre Nachfahren in die Welt und eröffnen ein Restaurant oder bekommen ein Kind von jemandem, und alle denken, es wäre von einem anderen. Sie streiten sich, raufen sich zusammen, hassen und lieben einander. Ein groß angelegter Familienroman hat Kaiser vorgelegt nach ihrem Triumph mit ihrem Erstling „Blasmusikpop“.

Vea Kaiser: Makarionissi, 464 Seiten, 19,99 Euro.

Von Peter Krüger-Lenz

Künstler in Aktion

Julius von Bismarck ist Künstler. Doch er hält es mit Joseph Beuys, der den Kauf von Leinwand und Farbe für den Beginn allen Übels hielt. Bismarck, tatsächlich ein Spross derer von Bismarck, ist Aktionskünstler. Unter dem Titel „Tiere sind dumm und Pflanzen noch viel dümmer“ hat er im Alten Rathaus ausgestellt, eine Schau, die der Kunstverein organisierte.

Der Katalog zur Ausstellung ist ein sehr informatives und reich bebildertes Werk geworden, das sich obendrein noch schön anfasst. Viele Werke Bismarcks lassen sich darin nachvollziehen, beispielsweise jene, als er mit einem Taschenmesser einen Baum fällte, indem er ihn einen Tag lang mit der Klinge am Stamm umkreiste. Oder jene, mit der er mit einem eigens dafür konstruierten Apprat Tauben fing, färbte und wieder frei ließ.

Julius von Bismarck: Tiere sind dumm, Pflanzen noch viel dümmer, Kerber, 208 Seiten, 38 Euro

Von Peter Krüger-Lenz

Freundschaft über Grenzen

In Göttingen und darüber hinaus hat sich Luise Rist einen Namen gemacht als Dramaturgin am Deutschen Theater, später dann durch ihre Arbeit im Boat People Projekt, einer Firma für Theater. Jetzt hat Rist ihr erstes Buch herausgebracht, das auch mit ihrer Theaterarbeit mit Flüchtlingen zu tun hat. „Rosenwinkel“ heißt das Werk wie eine Straße in Göttingen. Dort lebt Anita eine Jugendliche, die Frida im Freibad kennenlernt.

Langsam begreift die Abiturientin Frida, dass ihre neue Freundin eine Roma ist. Dramatisch spitzt sich die Lage zu, als Anitas Familie nach Bosnien abgeschoben wird. Rist ist eine versierte Autorin. Die Geschichte liest sich sehr flott und bildet zudem auch noch. Die Familie, von der Rist Anregungen für ihr Buch bekam, ist inzwischen übrigens tatsächlich von Abschiebung bedroht – nach 17 Jahren in Deutschland.

Luise Rist: Rosenwinkel, cbt, 352 Seiten, 9,99 Euro.

Von Peter Krüger-Lenz

Brussig hinter Mauer

Da muss man erstmal drauf kommen. Der Schriftsteller Thomas Brussig schreibt in „Das gibt′s in keinem Russenfilm“ über den Schriftsteller Thomas Brussig. Der lebt in der DDR und landet in jungen Jahren einen überraschenden Treffer auf dem Büchermarkt. Dann lässt er sich während einer Rede zu einem bemerkenswerten Schwur hinreißen. Er will nicht: in den Westen reisen, solange es verboten ist, kein Telefon besitzen, bis jeder eines haben kann und das Werk „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ will er auch nicht lesen, solange es auf dem Index steht.

Und dann wird Brussigs Leben plötzlich kompliziert. Der echte Brussig hat als einer der ganz wenigen Kreativen Millionen Menschen in drei unterschiedlichen Genres erreicht. Er schrieb das Drehbuch zu dem Film „Sonnenallee“, er schrieb Bestseller wie „Helden wie wir“ und er verfasste den Text zum Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“. Und sein aktuelles Buch ist sehr witzig. Respekt!

Thomas Brussig: Das gibt′s in keinem Russenfilm, S. Fischer, 384 Seiten, 19,99 Euro.

Von Peter Krüger-Lenz

Wenn Kulturen kollidieren

Nur ganz leicht hat der französische Schriftsteller Michel Houellebecq die Geschehen in seinem politischen Roman „Unterwerfung“ in die Zukunft verlegt. Und plötzlich entsteht ein schillerndes Szenario. In Frankreich hat sich die politische Situation derart entwickelt, dass sich bei der Präsidentenwahl eine Mehrheit findet für den Kandidaten der Bruderschaft der Muslime.

Die Hauptstadt wird von Krawallen erschüttert. Das alles verfolgt der Literaturwissenschaftler François eher minderbeteiligt. Es ist spannend zu lesen, wie Houellebecq diese Utopie entwirft, die vielleicht gar nicht so weit entfernt liegt.

Michel Houellebecq: Unterwerfung, Dumont, 272 Seiten, 22,99 Euro.

Von Peter Krüger-Lenz

Italiener in London

Schick und mondän die einen, einfach und devot die anderen: Im Roman „Das Lied, das uns trägt“ von Alison Love treffen zwei Londoner Gesellschaftsgruppen aufeinander. Es geht um Liebe, gesellschaftliche Schranken und überholte Traditionen, vor allem aber um die Zeit von 1937 bis nach dem zweiten Weltkrieg aus britischer Sicht. Autorin Love bringt die englischen Debatten ein, die zur Außenpolitik geführt wurden.

Und das nicht allein hinsichtlich Hitler-Deutschland, sondern auch über Mussolini-Italien. Denn ein Handlungsstrang des Romans ist das Verhalten der großen Gruppe der Italiener in London. Schöne Liebesgeschichten gut verquickt mit dramatischen Entwicklungen der Zeitgeschichte.

Alison Love: „Das Lied, das uns trägt“. Fischer 2015, 400 Seiten, 9,99 Euro

Von Angela Brünjes

Die Post ist da: Briefe von Goethe

In Windeseile sind Nachrichten um die Welt geschickt. In Zeiten der Schreibstuben und Postkutschen ging es nicht so fix. Dennoch war die Briefpost im 18. Jahrhundert gemessen an den Transportmöglichkeiten schnell. Es war die Zeit der europäischen Briefkultur. Der Göttinger Germanist Albrecht Schöne, Kenner des Werkes von Johann Wolfgang von Goethe, hat sich mit Goethes Korrespondenz befasst.

In seinem Buch „Der Briefschreiber Goethe“ erstellt Schöne neun Fallstudien. Darin gibt er Einblick in die verschiedenen Lebens- und Geschäftsbereiche des Dichterfürsten und Geheimrats. Das ergänzt der Autor um ebenso lesenswerte Exkurse, die die Postverhältnisse, Schreibgerätschaften und Anredepronomina im 18. Jahrhundert behandeln.

In Zeiten der Dominanz von kurzen elektronischen Nachrichten eine lehrreiche Lektüre, die zugleich den Wandel im Gebrauch der deutsche Sprache aufzeigt, das Briefwesen vergangener Zeiten darstellt und neue Einsichten über Goethes Lebensgeschichte bietet.

Albrecht Schöne: „Der Briefschreiber Goethe“. C.H. Beck, 2015, 539 Seiten, 29,95 Euro.

Von Angela Brünjes

Sehnsucht nach Polarlichtern

Mehr als 4000 Kilometer muss Leila mit ihrem Auto durch die USA fahren, um Polarlichter zu sehen - und sich selbst zu finden. Adi Alsaid hat mit „Let‘s get lost“ seinen ersten Roman geschrieben und darin leicht, originell und mit mancher überraschenden Wendung fünf verschiedene Typen junger Leute beschrieben.

Leila begegnet auf ihrer Tour gen Norden Hudson, Bree, Elliot und Sonia. Ein klassischer Roadtrip, der quer durch die USA führt und deshalb besonders jugendlichen Lesern mit USA-Faible gefallen dürfte.

Adi Alsaid: „Let‘s get lost“. Bastei Lübbe, 2015, 365 Seiten, 16,99 Euro.

Von Angela Brünjes

Der Traum von Olympia

Ob man sie nun Graphic Novell oder Comics nennt, gezeichnete Romane verschaffen sich immer mehr Respekt. Der Berliner Zeichner Reinhard Kleist gehört zu den besten seiner Zunft. Seine Biografien über Johnny Cash und den jüdischen Boxer Hertzko Haft wurden von Kritikern hochgelobt. In „Der Traum von Olympia“ erzählt er die Geschichte der somalischen Läuferin Samia Yusuf Omar. Die begabte Sportlerin will 2012 an den Olympischen Spielen teilnehmen.

In dem vom Bürgerkrieg zerstörten Somalia aber ist ein Training kaum möglich. Und in der Olympia-Mannschaft dürfen keine Frauen trainieren. Samia beschließt nach Europa zu fliehen. Bei dem Versuch das Mittelmeer zu überqueren stirbt sie. Kleists Buch ist ein bewegender, klug erzählter, sehr ästhetisch gezeichneter Beitrag zu einem hochaktuellen Thema.

Reinhard Kleist „Der Traum von Olympia“.  Carlsen 2015, 152 Seiten, 17,90 Euro.

Von Christiane Böhm

Leben oder Theater?

Die deutsche Malerin Charlotte Salomon, geboren 1917 in Berlin, ist nicht vielen bekannt. Ihr tragisches kurzes Leben endet 1943 in den Gaskammern von Auschwitz. Geblieben ist von ihr ein Koffer voller Bilder, gemalt in nur zwei Jahren in Südfrankreich. Etwa 800 Blätter hat Charlotte Salomon ausgewählt und nummeriert. Zusammen mit erläuternden Texten und Hinweisen auf Musikstücke erzählen sie unter dem Titel „Leben? Oder Theater?“ ihr Leben.

Der französische Bestsellerautor David Foenkinos hat für sein Buch „Charlotte“  aufwendig recherchiert. Jede Zeile ein einziger Satz: in dieser außergewöhnlichen Form schreibt er über die junge Frau, die die Last mehrere Selbstmorde in ihrer Familie tragen und wegen ihrer jüdischen Herkunft die Kunsthochschule verlassen muss. In Frankreich ist das Buch ein Bestseller. Es hat unbedingt auch hierzulande viele Leser verdient.

David Foenkinos „Charlotte“. DVA 2015, 240 Seiten, 17,99 Euro.

Von Angela Brünjes

Skalpell, Tupfer, Niere

Wer sich in Göttingen und Umgebung auskennt, hat noch mehr Vergnügen an dem spannenden Krimi „Der dritte Patient“ von Wolf S. Dietrich. Dieser lässt seinen sechsten Göttingen-Krimi im Universitätsklinikum spielen und vom Geschäft mit Organtransplantationen handeln. Wie immer wird die Kriminalpolizei, die im Drogenmilieu und in der Professorenschaft ermitteln muss, von  Tageblatt-Reporterin Anna Lehnhoff tatkräftig unterstützt. Die Handlung ist, wenn hoffentlich auch sehr frei erfunden, spannend.

Wolf S. Dietrich: „Der dritte Patient“. Prolibris, 2015, 240 Seiten, 12,95 Euro.

Von Angela Brünjes

Krieg in einer neuen Dimension

Nach seiner Analyse der Ursachen und der Unentschiedenheit der Gegner des ersten Weltkriegs („Der große Krieg“) hat der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler nun in „Kriegssplitter“ die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert untersucht. Nur wenige Wochen vor den Anschlägen von Paris erschienen, fordert der Autor eine geopolitische Strategie des Westens gegen die neuen Kriegsformen im und aus dem Mittleren und Nahen Osten sowie gegen die bis zum Cyberkrieg reichenden neuen Kampfmittel.

Aufklärende Lektüre in Zeiten, in denen das Wort Krieg in einer neuen Dimension die deutsche Tagespolitik bestimmt und weitere Einsätze der Bundeswehr im Ausland bevorstehen.

Herfried Münkler: „Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert“. Rowohlt, 2015, 395 Seiten, 24,95 Euro

Von Angela Brünjes

Fingerspitzengefühl

Nies Bronikowski kann mit seinen 31 Jahren nicht gerade ein beeindruckende Bilanz vorlegen: Freundin abgehauen, Job als Hausmeister verloren, das Leben dümpelt so vor sich hin. Er wird zum Flaneur und stellt seinen Mitmenschen gern ins Absurde gehende Fragen. Eher durch Zufall entdeckt er den Job des Bestattungshelfers für sich. Mit Fingerspitzengefühl und viel Sensibilität versucht er den Toten Würde zu geben und immer den richtigen Ton gegenüber den Angehörigen zu treffen.

Kai Weyand befreit den Beruf des Bestatter in seinen Roman „Applaus für Bronikowski“  von Klischees und Tabus. Mit Leichtfüßigkeit, Sinn fürs Groteske, immer zwischen Ernst und Spaß balancierend erzählt er diese Geschichte eines eigenwilligen jungen Mannes. Weyand wurde mit diesem großartigen Buch für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert.
Kai Weyand „Applaus für Bronikowski“. Wallstein 2015, 188 Seiten, 19,90 Euro.

Von Christiane Böhm

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