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„Liebe wagt, was irgend Liebe kann...“

Lesung im Nachtclub Amavi Wild „Liebe wagt, was irgend Liebe kann...“

In Rot tauchten die LED-Leuchten den Göttinger Nachtclub Amavi Wild. Vor der Bar saßen Sprecherin Birgitta Assheuer und Schauspieler Hans-Werner Meyer. Zu Live-Musik lasen sie Passagen aus Liebesgeschichten, die Schriftsteller Ulrich Woelk für das Literaturfest Niedersachsen ausgewählt hatte.

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Die musikalische Lesung im Amavi Wild

Quelle: Heller

Göttingen. Bezaubernd sanft, weich und warm ist Assheuers Stimme. Abwechselnd las sie mit Meyer im schummrigen Kellergewölbe in der Güterbahnhofstraße aus Werken der Weltliteratur. Dazu spielten Bardo Henning (Akkordeon) und Marika Gejrot (Cello) effektvoll Tangos. Und alle paar Minuten ließ ein schwerer Güterzug die Wodkaflaschen der Bar leise klirren.

Weit gespannt hatte Woelk, der Dramaturg des Abends, seine Collage. Vom biblischen Hohelied Salomos und Homers Ilias über Gottfried von Straßburgs Tristan und Isolde bis zu modernen Autoren reichte sie. William Shakespeares „Romeo und Julia“ konnte nicht fehlen. Die Worte des jungen Romeos, der sich trotz einer Familienfehde Julia nähert, gaben der Veranstaltung ihren Titel: „Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann...“

Der Held in Ernest Hemingways Roman „Wem die Stunde schlägt“ trifft in den letzten Stunden seines Lebens die Frau seines Lebens. Statt sein Schicksal zu beklagen, genießt er den Augenblick. Die Zuhörer wurden Zeugen jener leidenschaftlichen Szene, die eine gekränkte Russin ihrem Liebhaber in Viktor Jerofejews Roman „Die Moskauer Schönheit“ macht. Sie lässt im Champagner-Rausch ein Konzert platzen, in dem sie die Musiker mit Orangen bewirft.

Ungemein komisch war die Ehebruch-Geschichte aus Giovanni di Boccaccios „Decameron“. Um einen Seitensprung ging es auch in Woelks eigener Erzählung „Einstein on the Lake“. Heinrich Manns „Professor Unrat“ machte sich in seiner Verliebtheit zum Narren. Der Held in Max Frischs inzestuöser Liebesgeschichte „Homo Faber“ trauerte seiner toten Tochter-Geliebten nach. Auch für die pädophilen Fantasien aus Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ war Raum. „Tatort“-Schauspieler Assheuer gab dort dem Mann seine Stimme, der eine Zwölfjährige missbraucht. Ein eindrucksvoller Abend über die Wege und Irrwege der Leidenschaft.

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