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Die Mechanik der Ausgrenzung

Emcke und Grünbein "Gegen den Hass" Die Mechanik der Ausgrenzung

Unter dem Titel „Gegen den Hass“ hat das Literarische Zentrum Göttingen am Freitag eine Lesung mit Carolin Emcke und Durs Grünbein organisiert. Mit der Moderation von Insa Wilke las Emcke aus ihrem gleichnamigen Essay. Grünbein präsentierte seine Kindheitsbiographie „Die Jahre im Zoo“.

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Carolin Emcke und Durs Grünbein

Quelle: SPF

Göttingen. „Nicht alles, was sich bewegt, ist gerecht“, sagt Grünbein. Sehr früh kommt das Gespräch auf den Hass, der uns immer wieder in den Medien begegnet. Emcke und Grünbein erzählen Anekdoten von Demonstrationen und Hetzreden, von einem „Störenfried-Typus“ wie Lutz Bachmann, die die Absurdität eines Hasses zeigen, dessen Ursache nicht deckungsgleich mit seinem Objekt ist.
Zwischen den Lesungen lenkt Wilke das Gespräch immer wieder von der Beschäftigung mit dem Hass auf seine Artikulation. Für die Recherche zu ihrem Essay hat Emcke, die gerade erst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, unter anderem Demonstrationen von Pegida-Anhängern besucht. „Man wird nur angebrüllt“, lautet die Zusammenfassung ihrer Erfahrung. Solcher Hass brauche sprachliche und ideologische Vorlagen, „Muster der Wahrnehmung“, sagt Emcke, die sich bei häufiger Wiederholung zu Automatismen entwickelten. So werde der Ausdruck „Geflüchtete“ irgendwann fest mit „Invasoren“ oder „Kriminellen“ verbunden. In ihrem Buch versucht die Autorin, diese sprachlichen Muster zu durchbrechen und so handlungsfähig zu werden „gegen den Hass“.

Bücher

Carolin Emcke: "Gegen den Hass", S. Fischer, 240 Seiten, 20 Euro.
Durs Grünbein: "Die Jahre im Zoo", Suhrkamp, 400 Seiten, 24,95 Euro.

Besonders eindringlich liest sie aus einem Kapitel über das Schicksal von Eric Garner, einem Afro-Amerikaner, der an den Folgen von weißer Polizeigewalt ums Leben kam. „Was sehen die Beamten nur?“, ist die Frage, die sich dabei mehrmals wiederholt. Was sehen sie in diesem Mann, von dem in diesem Moment keinerlei Gefahr ausgeht, das sie ihn zu Boden ringen und bis zur Bewusstlosigkeit würgen? Das Video, das diesen Vorfall dokumentiert, gibt keine Antwort darauf.
In den Erinnerungen an seine Kindheit in Dresden richtet Durs Grünbein den Blick ebenso auf die Dynamik, die Angst und Unfreiheit entwickeln können. In seiner Lesung fängt er das Gefühl von Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit ein, bildhaft verkörpert in einem „Trafo-Häuschen“, seinem gleichnamigen Gedicht. Im voll besetzten Alfred-Hessel-Saal im Historischen Gebäude der Universitätsbibliothek erlebt das Publikum ein Gespräch, das Moderatorin Wilke am Ende sehr treffend als „mäandernd“ bezeichnet. Trotzdem scheint das Thema auch nach 120 Minuten noch nicht ausgereizt. Emcke und Grünbein geben faszinierende Sichtweisen auf die alltägliche und systematische Ausgrenzung. Dass die Lesungen selbst vergleichsweise kurz ausfallen, ist dabei nur ein unbedeutender Kritikpunkt.

Von Jana Probst

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