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Deutschstämmige Juden in Israel

Lesung von Jörg Armbruster Deutschstämmige Juden in Israel

„Kommst du aus Deutschland oder kommst du aus Überzeugung?“, fragten israelische Zionisten die aus Deutschland vertriebenen Juden nach dem Zweiten Weltkrieg, erzählt Jörg Armbruster. Bei der Lesung zu seinem neuen Buch hat der Journalist im Gespräch mit Michael Zeiß im Literarischen Zentrum Göttingen über Zwiespalte und Schicksale deutscher Juden gesprochen.

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Jörg Armbruster im Literarischen Zentrum Göttingen.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Als Auslandskorrespondent der ARD war Armbruster in jedem Land des Nahen Ostens und hat mehr als zehn Jahre in Kairo gelebt, um zuletzt von dem Arabischen Frühling zu berichten. Nur in einem Land der Region hat er nicht gearbeitet: „Im Oman war ich nicht. Eines der schönsten Länder der Welt, aber da ist nichts los.“ Obwohl er mittlerweile Rentner ist, hat Armbruster dieses Jahr wieder ein Buch geschrieben. „Jeden Deutschen, der einigermaßen geschichtsbewusst lebt, berührt dieses Thema“, erklärt Armbruster seine Beweggründe dafür.

Willkommen im gelobten Land?

Jörg Armbruster: „Willkommen im gelobten Land? Deutschstämmige Juden in Israel“, Hoffmann und Campe, 228 Seiten, 24 Euro.

In dem Buch „Willkommen im gelobten Land? Deutschstämmige Juden in Israel“ sammelt er Geschichten von Holocaust-Überlebenden, deren Kindern und Enkelkindern. Armbruster hat einige der Überlebenden in Altersheimen getroffen, wo sie in großer Armut leben. Ein Großteil der nach Israel emigrierten Deutschen lebt heute unter der Armutsgrenze, weil sie nur eine geringe oder gar keine Rente beziehen.

Viele deutsche Juden gerieten vom Regen in die Traufe, als sie nach Ende des Krieges nach Israel kamen. Dort wurde erwartet, dass sie Hebräisch lernten. Wer Deutsch sprach, wurde schief angeguckt und einige Altzionisten wurden sogar handgreiflich. In den 1950ern sahen sich die Holocaust-Überlebenden dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien zu schwach gewesen und hätten sich gegen die Nazis wehren müssen. Überlebende der Warschauer Ghettos, die Widerstand geleistet hatten und deshalb auch nur in geringer Zahl überlebt hatten, wurden als Helden gefeiert. Die Opfer der Konzentrationslager erfuhren erst Anerkennung und Akzeptanz, als die zweite Generation auf das Schicksal ihrer Eltern aufmerksam gemacht wurde. „Der Eichmann-Prozess hat ein Erdbeben in Israel ausgelöst. Danach wandelte sich die öffentliche Meinung“, berichtet Armbruster.

Vergangenheit und Gegenwart

Ruhige Stimme, klare Aussprache – dass Sprechen sein Beruf war, hört man ihm an. Wenn Armbruster redet, klingt es druckreif, noch dazu schmückt er die Geschichten seiner Interviewpartner mit großem Detailwissen aus. Immer wieder schiebt er Anekdoten ein, die Bezug auf seine Recherche nehmen. „Auf Ablehnung bin ich überhaupt nicht gestoßen. Viele waren froh noch einmal ihre Geschichte erzählen zu können“, meint der Journalist. Jetzt im Alter ohne die Ablenkung durch Kinder und Berufsleben kommt die Erinnerung wieder, hat Armbruster beobachtet: „Die Generation der KZ-Überlebenden wird nachts heimgesucht von Alpträumen.“

Nicht nur über Vergangenheit, sondern auch über Gegenwart spricht Moderator Zeiß mit seinem Gast. Nach einer Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts gefragt, schüttelt Armbruster den Kopf: „Im Augenblick sehe ich keine Chance für eine Zwei-Staaten-Lösung. Vor allem nicht mit dem neuen amerikanischen Präsidenten.“

Jörg Armbruster hat die Welt in 1:30 erklärt. So lange dauert ein Fernsehbeitrag für die Tagesschau. An diesem Abend werden die 1:30 in Stunden, nicht in Minuten, gerechnet. Armbruster erklärt auch nicht die Welt, dafür ein großes Stück Zeitgeschichte.
 Jörg Armbruster: „Willkommen im gelobten Land? Deutschstämmige Juden in Israel“, Hoffmann und Campe, 228 Seiten, 24 Euro.

Von Jorid Engler

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