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Schreiben mit dem Metronom

Lesung von Mathias Énard Schreiben mit dem Metronom

Franz heißt die Sheherazade in „Kompass“. Der französische Autor Mathias Énard hat im Gespräch mit Journalist Alexander Solloch seinen neuen Roman vorgestellt. Der Schriftsteller sprach im Literarischen Zentrum über Neugier auf den Orient und seine akkurat getakteten Kapitel.

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Gefragter Autor: Der Franzose Mathias Énard.

Quelle: dpa

Göttingen. 90 Sekunden – so lange braucht der Leser für eine Seite, hat Énard sich ausgerechnet und dann seine Kapitelüberschriften passend gewählt. Würde man abends anfangen, „Kompass“ zu lesen und bei jedem neuen Kapitel auf die Uhr gucken, dann müssten die Zeiger die Kapitelüberschriften anzeigen. Die erzählte Zeit stimmt überein mit der real vergangenen Zeit, deswegen sagt Énard: „Ich habe mir vorgestellt, dieses Buch mit dem Metronom zu schreiben.“

So akribisch genau wie die Zeiteinteilung ist auch der Rest der Textkomposition. Über 200 Bücher hat er bei seiner Recherche gelesen. „Es fasziniert mich, verschiedene Texte, Lieder und Quellen zu vermischen und in ein Zusammenspiel zu bringen“, erklärt Énard, der vom Moderator gefragt wird, ob dieses „erzählte Wissen“ ein neues Genre darstellt. Énard verneint, aber man könne, wenn man Lust habe, alle zwei Seiten etwas nachschlagen. „Wohl eher alle zwei Sätze“, korrigiert Solloch.

Die Hauptfigur des Romans verlässt während der Nacht, die das Buch erzählt, sein Zimmer nicht. Die Einheit von Zeit und Raum ist Anker und Ruhepol der Erzählung, denn der Musikwissenschaftler Franz Ritter begibt sich auf eine mentale Reise und rekapituliert Momente und Orte, die er mit seiner Liebe Sarah geteilt hat. Ganz nebenbei vermittelt Énard mit dieser Liebesgeschichte Kulturgeschichte.

„In Europa ist unser Bild vom Islam eher beschränkt. Ich möchte zeigen, wie vielfältig der Islam ist und wie vielfältig auch unsere Einflüsse und Beziehungen zum Orient sind“, meint der 44-Jährige, der neben Deutsch auch Persisch und Arabisch spricht. Letztendlich sei „Kompass“ jedoch ein Buch eines Intellektuellen für die Intellektuellen, resümiert Solloch: „Diejenigen, die rufen, ‚Rettet das Abendland‘ erreicht es doch wahrscheinlich nicht.“ Der Autor antwortet schlicht: „Ja, aber man weiß ja nie.“

Von Jorid Engler

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