Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
„Jugendliche Fremdheit in der Welt“

Liederabend im Literarischen Zentrum „Jugendliche Fremdheit in der Welt“

Im Alter von zwölf Jahren hat sich Frank Kelleter seine erste LP von David Bowie gekauft. Heute ist er Professor für Nordamerikanische Kultur und Kulturgeschichte in Berlin und Bowie-Experte. In der Reihe „Liederabend“ hat er sich im Literarischen Zentrum mit Gerhard Kaiser über die Popikone unterhalten.

Voriger Artikel
Die Radieschen von unten
Nächster Artikel
Die Musik einer Generation

Zwei Bowie-Experten: Frank Kelleter (links) und Gerhard Kaiser.      

Quelle: Pförtner

Göttingen. Am 10. Januar 2016 starb David Bowie+. „Jeder weiß, wo er war, als er die Nachricht bekam, dass Bowie gestorben ist“, sagt Kelleter – für ihn wie auch für Moderator Kaiser ein deutliches Zeichen, dass Bowie etwas besonderes war. Kelleter hat gerade in der Reihe „Reclam 100 Seiten“ eine Sammlung von Essays über den großen Popmusiker veröffentlicht. Kaiser meint, er sei der beste Bowie Kommentator. Platz drei schreibt er dem Musiker und Bowie-Weggefährten Brian Eno zu, Platz zwei Bowie selbst, der immer sehr selbstreferenziell gearbeitet habe.

Kelleter, der vor seiner Berufung an das John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin an der Göttinger Universität lehrte, zeigt sich an diesem Abend enorm belesen und kenntnisreich. Auf seinem Tisch stapeln sich Alben, die Bowie herausgebracht hat, darunter auch das Debütalbum „David Bowie“, das 1967 erschien. „Sehr bizarr, sehr englisch“, nennt Kelleter das Werk, das Bowie noch keinen Ruhm eintrug. Erst das viertes Album „Hunky Dory“ schätzt Kelleter als „sein erstes Meisterwerk“. Hier veröffentlichte Bowie unter anderem Lieder über Künstler, die ihn beeinflusst haben wie Bob Dylan, Andy Warhol, Velvet Underground und Frank Sinatra. Inhaltlich, so Kelleters Einschätzung, habe Bowie eine pubertäre Weltsicht transportiert: „Es geht um die jugendliche Fremdheit in der Welt.“

Kelleter brachte auch zur Sprache, was Bowie immer wieder vorgeworfen wurde: Dessen Werk sei „irgendwie nicht wirklich selbst gemacht“. Doch er erkennt an: „Bowie hatte ein großes Talent, kreative Netzwerke aufzubauen.“

Zwei Phasen behandelten Kelleter und Kaiser an diesem Abend mit großem Bedauern nicht: Bowies Glam-Rock und Plastic-Soul. Sie stiegen wieder ein mit „Low“ (1977), ein „rundum bemerkenswertes Album“. Bowie habe es in einer Phase geschrieben, in der er fast gestorben wäre, sagt Kelleter, „ein Leiche auf Abruf“. Bowie wollte weg von den Drogen, er wollte aber auch weg vom Starsein. Dafür arbeitete er mit Brian Eno zusammen, „da hatten sich zwei gesucht und gefunden“,  meinte Kelleter. Low wurde in Berlin aufgenommen, der Start der Berlin-Trilogie, wie Bowie selbst es nannte, obwohl nur „Low“ in den Hansa-Studios eingespielt wurde. Tatsächlich sei Berlin der Ort von Bowies Gesundung gewesen, drei Jahre lebte er dort.

Schließlich tauschten sich Kelleter und Kaiser noch über das Lied „Ashes to Ashes“ aus, eine  Fortsetzung des Songs „Space Oddity“ – „eine pharmazeutische Deutung seines ersten Hits“, meint Kelleter, „ein herzzerreißender Suchtsong“. Ob Bowie das nicht ironisch gebrochen habe?“, fragte Kaiser. Doch Kelleter hielt dagegen: Für ihn habe Bowie das „sehr tief empfunden“.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier bloggen wir zu den Göttinger Händel-Festspielen 2017 – berichten von Vorbereitungen, besuchen Opernproben und werfen einen Blick hinter die Kulissen. mehr

NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag