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Literarischer Besuch beim Zahnarzt mit Elisabeth Hoppe

Deutsches Theater Göttingen Literarischer Besuch beim Zahnarzt mit Elisabeth Hoppe

Das bunte, ewige Damaskus ist die Geburtsstadt des Schriftstellers Rafik Schami, der 1971 nach Deutschland kam und hierzulande zu den bedeutendsten Erzählern zählt. Auf ihn und seine Geschichten ist die Wahl Elisabeth Hoppes gefallen, Schauspielerin im Ensemble des Deutschen Theaters (DT). Sie bestritt den zweiten literarischen Hausbesuch des DT.

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E. Hoppe

Quelle: Pförtner

Göttingen. Er führte die zunächst ahnungslosen Zuschauer nach dem Treffen an der Theaterkasse in eine Zahnärztliche Gemeinschaftspraxis in der Groner Straße. Stark kontrastierend, fast irritierend, wirkte das weiße, makel- und schnörkellose Ambiente angesichts der Farbenpracht und verschlungenen Erzähl­wege der Prosa Schamis. Rund 30 Zuhörer fanden Platz und lauschten Hoppes Vortrag. Die Geschichte „Die Hölle“ wolle sie eigentlich schon seit 20 Jahren vorlesen, sagte Hoppe. Zum ersten Mal habe sie beim Vorlesewettbewerb in der sechsten Klasse „die wahre Geschichte der Hölle“ vorgestellt. In den weiteren Runden des Wettbewerbs sei sie aber an der Zensur gescheitert.

Schamis Erzählungen tragen oftmals mehrere Ebenen in sich und „die Wahrheit über die Hölle“ habe man im schulischen Umfeld dann doch zu politisch gefunden, erzählte Hoppe. In der Hölle lässt es sich laut Schami mit lauter passablen Menschen wie Wissenschaftlern und Künstler ganz gut aushalten. Die Physiker haben auf Luzifers Geheiß hin das Höllenfeuer abgeschafft und veranlassten Energiegewinnung durch Sonnenstrahlung. Es gibt unzensierte Kunst und für alle Kinder, die durch ihre vermeintlichen Missetaten in der Hölle gelandet sind, einen angesichts der aktuellen Verhältnisse in den Kitas himmlischen Betreuungsschlüssel von fünf Kindern pro Erzieherin. Das Märchen „Die Zwiebel“ erklärt, warum wir heute beim Schneiden von Zwiebeln weinen müssen, und „Das letzte Wort der Wanderratte“ eröffnet einen ganz anderen Blick auf die weltbekannte Sage des Rattenfängers von Hameln und den Menschen aus der Sicht der Ratte.
Schamis Märchen, die oft Gleichnisse für bestehende gesellschaftliche Verhältnisse darstellen, sind meisterhaft und spitzzüngig geschrieben. Sie sprudeln vor originellen Ideen, außergewöhnlichen Perspektiven und lassen durch ihre bildhafte, poetische Sprache großartige Bildwelten entstehen, denen sich die Zuhörer gern hingeben.

Von Marie Varela

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