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Literarisches Zentrum in der Uni Göttingen

Sexuelle Poetik Literarisches Zentrum in der Uni Göttingen

Nackte Statuen in Gips boten das passende Ambiente zum Abend unter dem Motto „Wer hat den schlechtesten Sex?“. Das Literarische Zentrum hatte dazu am Montag die Experten Ina Hartwig und Rainer Moritz in den Parthenonsaal der Universität eingeladen.

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Ina Hartwig und Rainer Moritz im Parthenonsaal der Universität Göttingen.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Links neben dem Podium zeigt die gipserne Venus von Medici ihre unverhüllten Reize, drei Diskuswerfer präsentieren nicht nur ihr Sportgerät, streng blickt der lockige Zeus in die Runde mit den knapp 60 Zuhörern, die den Saal der Gipsabguss-Sammlung füllen. In der Reihe „Hausbesuch“ war das Literarische Zentrum zu Gast im Archäologischen Institut der Universität. Auf dem Podium: Rainer Moritz, Autor des Buches „Wer hat den schlechtesten Sex?“, und die Literaturkritikerin Ina Hartwig, die mit der Dissertation „Sexuelle Poetik“ ihre Karriere 1998 gestartet hat.

Neun einschlägige Textstellen waren angekündigt, vorgelesen von Imme Beccard, die alle Register ihrer feinen Rezitationskunst zog, auch wenn es derb zur Sache ging, und die dafür viel Szenenapplaus erntete. In lockerem Gespräch analysierten und bewerteten Hartwig und Moritz die Texte und streiften allgemeine Fragen der sexuellen Befreiung und der daraus hervorgegangenen neuen Zwänge.

Den Bogen spannten sie von Patrick Hofmanns Roman „Die letzte Sau“, in dem zwei Frauen ihren Spaß an einer Blutwurst teilen, über Michael Kleebergs „Karlmann“ und Anne Webers ausgesprochen zuckriges „Tal der Herrlichkeiten“ bis zum Bestseller „Fifty Shades of Grey“ von E. L. James, so unfreiwillig komisch, dass sich die Zuhörer vor Lachen bogen. Zum Schluss gab es eine Passage aus Harold Brodkys Erzählung „Unschuld“, die der „Spiegel“ als „wahrscheinlich die genaueste Beschreibung eines Cunnilingus in der Literatur“ apostrophierte.

Einig waren sich Hartwig und Moritz über die Schwierigkeiten, an denen viele Autoren bei der Beschreibung von Sexszenen scheitern – etwa an der Sprachlosigkeit des Höhepunktes, der sich zumeist auf Interjektionen wie „O ja“, „O nein“, „Aaaah“ oder „O Gott“ beschränkt. Moritz verwies zudem auf einschlägige Verben wie nageln, meißeln oder bohren, die allesamt zum Wortschatz von Baumärkten gehören. Und einig waren sich die Experten auch darin, dass manche pornografische Wendungen als „Zeichen poetischer Impotenz“ gewertet werden müssten.

Schön, dass das Experten-Gespräch derart lebendig verlief, anspielungsreich, informativ und vergnüglich zugleich. Da machte es auch nichts, dass die Zeit nicht für alle Textstellen reichte. Man kann ja mal selbst lesen – obgleich es viel schöner ist, Imme Beccard zuzuhören.

Von Michael Schäfer

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